Kommentar von
Jörg Schiffeler

Rabattschlachten Fleisch als Lockvogel gehört ausrangiert

Dienstag, 07. Juli 2020
Die enorme Verbreitung des Coronavirus unter Beschäftigten an Schlachthöfen hat den Fokus der Öffentlichkeit nicht nur auf die Arbeitsbedingungen und die Wohnverhältnisse gelenkt. Im Brennpunkt stehen ebenso die Fleischerzeugung und die Zerlegung des Rohstoffs. Auch die Lockvogelpreise, mit denen der Lebensmittelhandel meistens sehr erfolgreich mehr Kunden in seine Läden ködert, stehen am Pranger.

Die Herausforderungen sind allesamt nicht neu. Das werden Sie nicht nur als erfahrener Leser bestätigen, sondern alle, denen die Arbeit mit Fleisch, Fleischwaren und Wurst eine Berufung ist. Und dann gibt es noch diejenigen, die den Fleischsektor mit Herzblut begleiten. Doch wann wird sich etwas ändern? Wie viele Skandale braucht es noch, um aus der Defensive herauszukommen? Es wird höchste Zeit, endlich den Krisenmodus abzuschalten. Agieren statt reagieren ist gefordert. Die im Fokus stehenden Top-Unternehmen, das sind Tönnies, Vion, Westfleisch und die PHW-Gruppe, sollten die Fehler im System analysieren. Ebenso sind Vordenker gefragt, die benennen, was seit Jahren schief gelaufen ist. Erst dann lassen sich Perspektiven entwickeln, um einen zukunftsorientierten neuen Weg einzuschlagen.

Die Hausaufgaben haben die großen Schlachtkonzerne nicht alleine zu bewältigen, denn im Boot sitzen noch viel mehr Beteiligte. Die komplette Kette der Fleischwirtschaft – von der Erzeugung über die Gewinnung und Verarbeitung sowie Vermarktung – braucht mehr als eine konzertierte Aktion oder Selbstverpflichtungen. Die Empfehlungen der Borchert-Kommission für den Umbau der deutschen Nutztierhaltung sollten endlich Fortschritte in der Praxis machen. Wir brauchen gesellschaftlich akzeptierte Lösungen und nicht immer neue Diskussionsschwerpunkte beim Ringen um den richtigen Weg. Das beschert sowohl Tierschützern als auch Verbraucherschützern nur neue Angriffsflächen. Egal, wie ein Umbau der Landwirtschaft eines Tages aussehen wird, er kostet Geld.

„Mehr Tierwohl, mehr Menschenwohl, mehr Klimaschutz und die Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe gibt es nicht zum Nulltarif. “
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Vielleicht sollten wir deshalb eine neue Kalkulation anstellen. Mehr Tierwohl, mehr Menschenwohl unter den Beschäftigten im Fleischsektor, mehr Klimaschutz in der Produktion – im Stall wie in der Schlachtung und Verarbeitung – und die Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe gibt es nicht zum Nulltarif. Doch wie hoch ist ein fairer Preis für ein Kilogramm Fleisch, das beispielsweise den Kriterien der Haltungsstufe Vier entspricht? Fest steht: Am Anfang der Kette muss es für den Bauern auch wirtschaftlich darstellbar sein, den hohen Anforderungen der Verbraucher gerecht zu werden. Das gilt nachgelagert für den Schlachter und Zerleger sowie für den Verarbeiter und auch für den einzelnen Meisterbetrieb.

Bauern, Fleischer und Händler liegt es in der Natur den Rohstoff Fleisch zu handeln. Woche für Woche wird auf die Entwicklung an den Schlachtvieh- und Fleischmärkten geschielt, um centgenau abzurechnen. Vielleicht ist dieses Modell nicht mehr zukunftsfähig bei all den Ansprüchen, die heute an das wichtigste Mittel zum Leben gestellt werden. Vor allem aber sollte den Rabattschlachten der Garaus bereitet werden. Angebot und Nachfrage werden beim Thema Fleisch den Preis nicht entsprechend regeln. Dafür ist er zu sehr ein Politikum, Lockmittel und auch ein vermeintlicher Qualitätsparameter. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner habe ich hier oft kritisiert. Sie hat Recht, wenn sie sagt „Es gibt kein Recht auf täglich Billigfleisch“, wie zuletzt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Klöckner Heinen Otte-Kinast
(Bild: imago images / Klaus W. Schmidt)

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