Kommentar von
Monika Mathes

Regionale Schlachtstätten Nur eine ordentliche Auslastung sichert den Fortbestand

Dienstag, 30. Juni 2020
Thomas Reichert ist ein Mann der deutlichen Töne: Der Obermeister der Innung Frankfurt-Darmstadt-Offenbach formulierte es letzte Woche in der „Frankfurter Allgemeine“ (F.A.Z.) ganz drastisch. „Wenn man den Regionalitätsgedanken in der hessischen Verfassung mal ernst nimmt, müsste man wieder Schlachthöfe vor Ort errichten.“

Mit dieser Aussage erinnert Reichert gleichzeitig an das finanzielle Desaster, das sich 1988 in seiner Heimatstadt abspielte. Der für seinerzeit 45 Mio. DM eröffnete Kompaktschlachthof wurde nach nur knapp fünf Jahren Betrieb wieder vom Netz genommen, die freie Fläche für das Prestige-Projekt „Wohnen am Fluss“ des damaligen SPD-Planungsdezernenten verwendet. Dagegen nützten auch der von den Frankfurter Metzgern initiierte Protest und 40.000 gesammelte Unterschriften nichts. Zuletzt scheiterte das Bürgerbegehren an einem Formfehler.

Während in Frankfurt das Filet-Grundstück am Main seinerzeit Begehrlichkeiten weckte, wollen andere Kommunen die für die Nahversorgung der Bevölkerung so wichtigen, aber oft auch mit Investitionsstau belasteten Schlachthöfe lieber kulturellen oder anderen Zwecken zuführen.

Gerade in jüngster Zeit berichtete die afz über zahlreiche Beispiele: In Rottenburg im Landkreis Tübingen soll der denkmalgeschützte Schlachthof von 1904 weichen, weil der Standort städtebaulich aufgewertet werden soll. Gleichzeitig signalisieren die Stadtväter, die Möglichkeiten für regionales Schlachten erhalten zu wollen. Das Wie und Wo bleibt unbeantwortet. Auch im knapp 40 Kilometer entfernten Metzingen muss Ende des Jahres mit der Schließung des 1848 gegründeten Betriebs gerechnet werden – trotz des Einsatzes der dortigen Schlachthofgenossenschaft, die sogar von Privatpersonen unterstützt wird. Stattdessen hegt man im benachbarten Zollernalbkreis die Hoffnung, dass der derzeitige Betreiber die Zukunft des Balinger Schlachthofs sichert.

Schlachthof Rottenburg
(Bild: Stadtverwaltung Rottenburg, Steffen Schlüter)

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Nichtsdestotrotz soll an dieser Stelle auch auf Erfolgsstorys und einige geglückte Rettungsmaßnahmen verwiesen werden: Der Fürther Schlachthof schreibt seit seiner Gründung schwarze Zahlen und ist das beste Beispiel für eine geglückte dezentrale Vermarktung im idealen Radius von 50 Kilometern. Den in eine finanzielle Schieflage geratenen Kronacher Betrieb retteten Landwirte und Metzger, unterstützt von örtlichen Politikern, in einer konzertierten Aktion und gaben ihm für die Zukunft eine strategische Neuausrichtung. Im Eichsfeld übernahm der Fleischereinkauf Göttingen-Hannover den insolventen Heiligenstädter Schlachthof und sichert dadurch den Rohstoff für regionale Spezialitäten wie Feldgieker oder Ahle Wurscht.
Schlachthof Fürth - Zerlegung
(Bild: Metzgerschlachthof Fürth)

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Der Wunsch, kleine und übersichtliche Schlachtstätten den gerade aktuell in Verruf geratenen Großbetrieben vorzuziehen und sie zu erhalten, ist verständlich. Damit stößt das Fleischerhandwerk mit Landwirten, Verbrauchern und aufgeschlossenen Kommunalpolitikern in ein gemeinsames Horn. Die Realität zeichnet allerdings leider ein anderes Bild: Manch ein Regional-Schlachthof kämpft sogar noch mit einer viel zu geringen Auslastung, selbst wenn Betriebe in Nachbarkreisen dicht machen. Als etwa Ende 2019 der Städtische Offenburger Betrieb schloss, waren zu große Kapazitätsunterschiede der Grund dafür, dass das benachbarte Bühl mit seinen zu kleineren Strukturen keinen Vorteil daraus zog.
„Regionale Schlachtstätten schreiben nur bei optimaler Auslastung schwarze Zahlen. “
Monika Mathes, Redakteurin
Regionale Schlachtstätten schreiben nur bei optimaler Auslastung schwarze Zahlen. Der Regionalbegriff wird ad absurdum geführt, wenn es im Umkreis an Rinder- und Schweinemästern fehlt. Die streichen immer öfter wegen hoher Auflagen für Tierwohl, Umweltschutz und Haltungsbedingungen die Segel, kämpfen wie kleine Schlachtbetriebe mit mangelnder Akzeptanz ihrer Nachbarn. Denn trotz vollmundiger Verbraucherbekenntnisse zur Regionalität: Vor der eigenen Haustür möchte man weder die einen noch die anderen haben.

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