Kommentar von
Jörg Schiffeler

Regionale Schlachtstätten Schlachter brauchen Solidarität von Politik und Verarbeitern

Dienstag, 19. Dezember 2017
Rettungspläne werden geschmiedet, wenn – so wie in Nordhessen – die Ahle Wurscht in Gefahr ist. Was ist geschehen?

Diesmal ist es nicht der fleischfreie „Tag der Erde“, der die Bevölkerung rund um Kassel aufscheucht. Nein, es ist die drohende Schlachthofpleite, die es abzuwenden gilt.

Um Deutschlands Schlachtstätten ist es nicht zum Besten bestellt. Und das gilt für alle in der Branche – vom Industrieunternehmen, den regionalen Anbieter bis zum selbstschlachtenden Meister. Die Wirtschaftlichkeit der einzelnen Betriebe leidet zum einen extrem unter der Entwicklung der Notierung für Schlachtschweine, weil die Preise sowohl an den Bedientheken sowie in den Listungen von Handel und Gastronomie nicht ohne Verzögerung angepasst werden – wenn überhaupt.

Die Dramatik zeigt die Entwicklung in diesem Jahr: In der ersten Kalenderwoche rechneten die Erzeuger mit den Fleischern 1,48 Euro je Kilogramm Schlachtgewicht ab. Danach schoss der Kurs in die Höhe auf 1,81 Euro, ehe er auf nun 1,40 Euro regelrecht abstürzte.

Zum anderen sind in den ersten drei Quartalen 2017 weniger Schweine produziert und verarbeitet worden als im Vorjahreszeitraum. Es zeichnet sich ab, dass die Erzeugung von Schweinefleisch in der Bundesrepublik im gesamten Kalenderjahr 2017 unter dem Vorjahresniveau liegen und damit zum ersten Mal seit 2012 rückläufig sein dürfte.

Schlachthof Offenburg
(Bild: eiß)

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Regionale Schlachtstätten „Aus der Region“ in Gefahr

Lässt sich damit allein die Konsolidierung in der Fleischwirtschaft erklären? Die Schließung regionaler Schlachthöfe hat viele hausgemachte Ursachen. Ein Kardinalfehler sind verschlafene Investitionen insbesondere im Bereich des Tierschutzes. Zweifelsfrei muss man sich Erneuerung und Modernisierung auch leisten können. Die Anforderungen durch den Gesetzgeber aufgrund gesellschaftlichen Drucks in Bezug auf Stallung, Betäubung, Hygiene und vieles mehr sind im vergangenen Jahrzehnt enorm gestiegen.

Wer sich brüstet, in den 1990er-Jahren von Grund auf modernisiert zu haben, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Das gilt leider zu oft für kleine Schlachtstätten. Keine Behörde ist mehr bereit, Ausnahmesituationen zuzulassen oder ein Auge zuzudrücken. Veterinäre und Lebensmittelkontrolleure stehen unter extremer Beobachtung durch Verbraucher- und Tierschützer. Wer will seinen Betrieb schon als Schlagzeile in den Medien mit vermuteten Verstößen wiederfinden, wie zuletzt in Düren?
„Die Bereitschaft, für das Tierwohl tiefer in die Tasche zu greifen, dürfen wir nicht nur dem Verbraucher bei seinem Einkauf überlassen. Es sind ausnahmslos alle in der Pflicht.“
Jörg Schiffeler, afz-Chefredakteur
Die Bereitschaft, für das Tierwohl tiefer in die Tasche zu greifen, dürfen wir nicht nur dem Verbraucher bei seinem Einkauf überlassen. Es sind ausnahmslos alle in der Pflicht – selbst dann, wenn die Sinnhaftigkeit von Vorschriften bezweifelt werden darf. Sich zu widersetzen ist der falsche Weg. Politische Einflussnahme ein anderer.

In den Parteiprogrammen zur Bundestagswahl sind Bedeutung und Schutz regionaler Wirtschaftskreisläufe zu finden. Wenn nun Politiker hier und da aufschreien und Stadtparlamente gleichzeitig beschließen, sich nicht mehr als Gesellschafter eines Schlachthofs engagieren zu wollen, gedeiht Politikverdrossenheit und die Gefahr für die Demokratie wächst.

Eine weitere hausgemachte Ursache ist das Einkaufsverhalten der fleischerhandwerklichen Betriebe. Auch sie schielen auf die Erzeugerpreise, wechseln den Lieferanten und scheuen längerfristige Kontrakte mit Bauern oder Schlachthöfen vor Ort. Wer Fleisch aus der Region vermarkten möchte, muss den Wirtschaftskreislauf auch schließen.

Die aktuelle Insolvenzwelle zeigt, dass nicht einmal die niedrigen Schlachtkapazitäten ausgeschöpft wurden. Eine ökonomische Betrachtung hilft vielleicht. Was brauchen Macher und Märkte für die Bedienung ihrer Kunden? Wer diese Frage beantwortet, wird mit Glück auch die dringend gesuchten Investoren finden. Da kommt es doch entgegen, dass „aus der Region“ für deutsche Verbraucher beim Einkauf wichtig ist. Frohe Weihnachten.

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