Kommentar von
Sandra Sieler

Regionale Schlachtstätten Wo Solidarität stärker ist als Profitgier

Dienstag, 10. April 2018
Der Schlachthof im Eichsfeld ist gerettet. Das ist eine gute Nachricht für die gesamte Region: für Schweinemäster und -verarbeiter, für die Macher der Ahlen Wurscht und natürlich auch für die Liebhaber dieser schlachtwarm hergestellten Spezialität aus dem Dreiländereck von Hessen, Thüringen und Niedersachsen.

Ein wichtiges Glied der Wertschöpfungskette, für die kurze Wege eine unentbehrliche Voraussetzung sind, bleibt erhalten.

Dass der zentral im Herstellungsgebiet der Eichsfelder Wurstspezialitäten gelegene Schlachthof nach dem durchlaufenen Insolvenzverfahren doch wieder eine Chance bekommt, ist der Courage und dem Engagement eines Partners zu verdanken. Die Genossen des Fleischer-Einkaufs Göttingen-Hannover fühlten sich in der Pflicht, das Herzstück der regionalen Versorgung mit Fleisch und Fleischwaren zu retten. Dieser Schritt ist ein klares Bekenntnis. Er erfordert Mut.

Mit der Übernahme des modernen Schlachthofs bieten sich die Genossen als langfristiger Verbündeter für Landwirte und Metzger an. Und genau so funktioniert der Erhalt der regionalen Kreisläufe heute: mit beständigen Partnerschaften statt kurzfristiger Profitgier.

Schlachtung - Schweinehälften
(Bild: jus)

Mehr zum Thema

Nach Insolvenz Genossen übernehmen Schlachthof

Die Fleischer haben das längst erkannt. Wer die feste Verwurzelung in der Heimatregion nicht allein als Werbeargument nutzt, sondern auch aktiv lebt, der pflegt die Partnerschaft mit seinen Landwirten aus dem Umkreis. Der kauft nicht jede Woche woanders, je nachdem, wo er die Schweine am günstigsten bekommt.

Wer langfristig seine Quellen nutzen will, der garantiert auch einen fairen Preis und geht nicht bei jeder Schwankung nach unten fordernd mit, bis die Schmerzgrenze für den Bauern längst überschritten ist. Wenn dem Schweinehalter am Ende wirtschaftlich betrachtet die Luft ausgeht, hat schließlich keiner was davon. Ob nun VEZG plus 20 Cent, Mindest- oder Festpreis – die Möglichkeiten, die Bezahlung der Schlachttiere für beide Seiten fair zu gestalten, sind vielfältig.

Alle profitieren von verlässlichen Konditionen. Und wenn der Bauer weiß, dass er auch nächsten Monat und nächstes Jahr noch seine Schweine an den Metzger am Ort verkaufen kann, werden ihm eventuelle Investitionen in modernere und tiergerechtere Ställe umso leichter fallen.

Es war eben dieses Eifern nach dem niedrigsten Einkaufspreis, das den Eichsfelder Zentralschlachthof zuletzt zum Verhängnis geworden war. Zum einen konnte man die Dumpingpreise anderer Schlachtunternehmen selbst nicht tragen, zum anderen hatten viele Abnehmer im Zuge der Marktmacht des Einzelhandels das aufwendige Verarbeiten von Warmfleisch aufgegeben. Und damit eigentlich auch ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal. Der Betrieb im Heilbad Heiligenstadt kam in der Folge wirtschaftlich ins Trudeln und suchte Rettung im Insolvenzverfahren.
„Es ist einfacher, intakte Kreisläufe abzusichern und zukunftsfest zu machen. Ohne feste Partnerschaften geht das nicht. “
Sandra Sieler, stellvertretende Chefredakteurin
Der thüringische Schlachthof ist nun längst kein Einzelfall: Kassel, Essen, Mannheim sind weitere Beispiele für den Verlust regionaler Strukturen, und es gibt noch viele mehr. Nicht immer gelingt es, die Wertschöpfungsketten neu zu knüpfen. Und wenn, ist das sehr aufwendig. Einfacher ist es, die Kreisläufe dort, wo sie jetzt noch intakt sind, abzusichern und zukunftsfest zu machen. Das ist ein Gewinn für alle Seiten. Ohne feste Partnerschaften geht das aber nicht.

Mit der Übernahme des Schlachtbetriebs spannt die Genossenschaft ihre Aktivitäten eine Stufe weiter. Als Wiederverkäufer ist sie selbst schon eine wichtige Abnehmerin für das gewonnene Fleisch. Als einziges Standbein reicht das aber bei weitem nicht. Drum hat sich die neue Geschäftsführung des Eichsfelder Schlachthofs in persönlichen Gesprächen mit alten und neuen Geschäftspartnern als verlässliches Gegenüber präsentiert und kluge Zukunftspläne aufgestellt. Ihre Argumente für die regionale Versorgung mit Fleisch und Fleischwaren haben überzeugt.

Das könnte Sie auch interessieren
stats