Kommentar von
Jörg Schiffeler

Schlachthof Gärtingen Tierwohl muss immer Chefsache sein

Dienstag, 08. September 2020
Die Größe der Schlachtstätte sagt nichts über die Gepflogenheiten im Betrieb aus. Bauliche Anforderungen und Tierwohl müssen zu jeder Zeit den gesetzlichen Vorgaben entsprechen und kontrolliert werden.

Die Bilder aus dem Schlachthof Gärtingen sind unerträglich. Leidende Tiere darf es nicht geben. Die heimlich gedrehten Aufnahmen der „Soko Tierschutz“ führen einmal mehr schonungslos vor Augen, dass es zu Verstößen kommt. Auch wenn das nicht die Regel ist, so ist jede Missachtung des Tierschutzes eine zu viel.

Die Anlieferung von Tieren, die anschließende Aufstallung sowie der Betäubungsvorgang gehören zu den sensibelsten Arbeitsschritten, die an einem Schlachthof durchgeführt werden. Hier lässt ein Rind oder ein Schwein sein Leben, um aus dessen Fleisch nachgelagert ein hochwertiges Lebensmittel zu produzieren. Gleichzeitig entscheidet sich genau an der Schnittstelle zwischen Leben und Tod die Fleischqualität.

Das Abladen von Schlachtvieh und die Führung in die Betäubungsfalle funktionieren nicht automatisch. Menschen üben diese Tätigkeiten aus. Hier kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Verstößen gegen das Tierschutzgesetz. Weil es sich nicht um Einzelfälle handelte, überarbeitete die Europäische Union bereits im Jahr 2008 die Schlachtvorschriften. Der Tierschutz am Schlachtband erhielt mehr Gewicht, und das Schlachten und die damit verbundenen Tätigkeiten dürfen nur solchen Personen überlassen werden, die über einen Sachkundenachweis verfügen.

Über dieses verpflichtende Dokument gab es viel Aufregung – in Handwerk und Industrie. Viele Betriebsinhaber waren sich einig, dass die Abschlussqualifikation des Meisters und des Gesellen mit Fachrichtung Schlachten genügen. Was seit 2013 viele nicht verstanden haben: Tierwohl muss Chefsache sein. Zum „Tierwohl“ listet fleischwirtschaft.de, 1.101 Suchbegriffe auf. Der erste datiert auf den 16. August 2005. Seinerzeit traten in Dänemark neue Transportvorschriften in Kraft, und die Kopenhagener Regierung taufte ihren Aktionsplan „Tierwohl – unsere Verantwortung“. Zwar lachte damals hierzulande niemand darüber. Dass das Thema aber derart Fahrt gewinnen würde, ahnten seinerzeit die wenigsten.

Ohne zahlreiche Initiativen für bessere Haltungsbedingungen und die Unversehrtheit von Rindern (Hörner), Schweinen (Ringelschwänze, Kastration) und Geflügel (Schnabelkürzen) würde der Fleischkonsum noch stärker unter Druck geraten. Prekäre Arbeits- und Wohnverhältnisse, niedrige Entlohnung sowie Umwelteinflüsse werden in den Köpfen vieler Verbraucher mit unserem wichtigsten Lebensmittel verknüpft. Auch wenn der Pro-Kopf-Verzehr hierzulande insgesamt ziemlich stabil bleibt, so wächst doch die Anzahl der Menschen mit anderen Konsumgewohnheiten.

Umso erschreckender ist es, dass Vereine immer wieder Tierschutzverstöße ans Licht bringen. Allein die „Soko Tierschutz“ brachte mit dem Fall in Gärtringen den neunten Schlachtbetrieb in die Medien, in dem es Verfehlungen gab. Sie prangert damit Staatsversagen an und kritisiert Systemfehler. Man muss die Ziele der Organisation nicht teilen.

Dennoch: Im Gespräch mit der afz - allgemeine fleischer zeitung bestätigte der bisherige Schlachthof-Aufsichtsrat Günther Egeler, dass im Betrieb vier Amtspersonen vor Ort waren. Er ging davon aus, dass die Mitarbeiter der Veterinärbehörde alles unter Kontrolle haben. Ebenso ist nicht zu verstehen, weshalb Beanstandungen des Landratsamts vom Betrieb nicht schleunigst abgestellt wurden. Sicher gibt es Ermessensspielräume. Diese dürfen jedoch den im Grundgesetz verankerten Tierschutz nicht untergraben. Egeler, der höchsten Wert auf einen sorgsamen Umgang mit Tieren legt, ist am Boden zerstört und gibt zu: „Wir waren zu gutgläubig.“

Schlachthof Gärtringen
(Bild: Screenshot: soko-tierschutz.org)

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Koithahn - Duft
(Bild: fg)

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