Kommentar von
Jörg Schiffeler

Standortsicherung Wurst aus der Region geht nur mit Schlachtung aus der Region

Dienstag, 23. Juli 2019
Ist die Schlachtung in der Region in Gefahr? Diese Frage stellen sich viele Unternehmer – nicht nur im Fleischerhandwerk. Schlagzeilen von Schließungen machen immer wieder die Runde und sorgen für großes Aufsehen. Doch dann ist es meist zu spät. Was muss also geschehen, damit es erst gar nicht so weit kommt?

„Lokal“ und „regional“ sowie „von hier“ sind Begriffe, die beim Verbraucher ziehen. Damit lassen sie sich als Kunden in die Läden locken. Wer als Anbieter und Händler von Produkten aus heimischer Erzeugung dazu noch den Marketingbaukasten clever bedient, klagt selten über Absatzprobleme. Zuweilen gewinnt man den Eindruck, dass schon allein das Verkaufsetikett „aus der Region“ die Nachfrage von Obst, Gemüse sowie Fleisch und Wurst beflügelt.

Nur wenigen Verbrauchern ist allerdings klar, dass die Wertschöpfungskette für Lebensmittel aus der Region eine vorgelagerte Erzeugerstufe bedingt. Das heißt ganz drastisch: Wo keine Schweine stehen, können auch später keine vor Ort geschlachtet werden. Das ist zwar vielen Verbrauchern recht so, weil sie keine Geruchs- und Umweltbelästigungen wollen und erst recht keine Massentierhaltung – in welcher Größenordnung auch immer diese beginnen mag.

„Nur wenigen Verbrauchern ist klar, dass die Wert- schöpfungskette für Lebensmittel aus der Region eine vorgelagerte Erzeugerstufe bedingt. Das heißt ganz drastisch: Wo keine Schweine stehen, können auch später keine vor Ort geschlachtet werden.“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Der Flächenfraß zum Nachteil der Landwirtschaft und zum vermeintlichen Vorteil wachsender Städte zwingt viele Bauern zur Aufgabe ihrer Betriebe. Überdies ziehen sich Landwirte aus der Tierproduktion zurück, weil Politik und Gesellschaft steigende Ansprüche an Haltungsbedingungen, Tierwohl und Umweltschutz stellen. Wo aber sollen dann die Mittel zum Leben produziert werden? Fernab oder mitten unter uns, also in der Region? Wir brauchen hierzulande dringend eine Nutztierstrategie, die auf eine nachhaltige Akzeptanz sowohl in der Gesellschaft als auch in der Agrar- und Ernährungswirtschaft trifft.

Um Deutschlands Schlachtstätten ist es nicht zum Besten bestellt, das ist nicht neu. Einerseits leidet die Wirtschaftlichkeit der einzelnen Unternehmen extrem unter der Entwicklung der Notierung für Schlachtschweine, wie dies gerade Danish Crown hierzulande spürt. Auf der anderen Seite können regionale Schlachthöfe oftmals nicht ausgelastet werden: Dort fehlt es an einer ausreichenden Zuführung von Tieren sowie an Betrieben, die vor Ort einkaufen.
Schweinehälften - DC
(Bild: jus)

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Hessen gibt da ein gutes Beispiel. Das Bundesland verfügt über riesige Wald- und Landwirtschaftsflächen. Die Viehzucht spielte immer schon eine untergeordnete Rolle, während der Weinbau ein Aushängeschild darstellt. Der Megatrend der Regionalisierung spielt auch hessischen Bauern und Fleischern in die Karten. Im Odenwald, Taunus und Vogelsberg investierten in den vergangenen Jahren etliche Landwirte in neue Stallungen mit Auslauf, die den vielfach diskutierten Tierwohlkriterien höchster Stufe entsprechen.

Die Vermarktung von Fleisch aus derartiger Erzeugung bleibt unterdessen eine Herausforderung – selbst wenn das Land Aktionen wie „Metzger sucht Landwirt – Landwirt sucht Metzger“ unterstützt. Gleichzeitig kämpften in Marburg und Kassel Schlachthöfe ums Überleben. In Fulda fanden sich genügend Interessierte, um den Erhalt sicherzustellen. Nun bleibt die Auslastung ein mühsames Geschäft, an dem der Verbraucher durchaus einen Anteil trägt. Schließlich ist es König Kunde, dem Fleisch aus der Region auch etwas wert sein muss. Das wiederum müssen wir alle, Landwirte, Schlachter, Vermarkter, Verarbeiter und Fleischer sowie Medienmacher, der Gesellschaft erklären und auch, worin der Nutzen von regionalen Wertschöpfungsketten liegt.

So lange das nicht geschieht, braucht sich in Hessen niemand Gedanken über einen neuen Schlachthof im Rhein-Main-Gebiet zu machen. Mit Fulda im Nordosten, Schwalmstadt im Nordwesten, Büdingen in der Mitte sowie Brensbach im Süden stehen ausreichend Kapazitäten in akzeptabler Entfernung bereit. Sie müssen nur wertschöpfend genutzt werden.

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