Kommentar von
Jörg Schiffeler

Strukturentwicklung Grenzen erkennen, Chancen identifizieren

Dienstag, 21. März 2017
Alles wird weniger. Das Phänomen ist nicht neu. Das Fleischerhandwerk in Deutschland konsolidiert sich weiter.

Die Anzahl der Unternehmen sinkt, die Präsenz vor Ort dünnt sich weiter aus. Das geht nicht nur den Metzgern so. Diese Entwicklung trifft viele Handwerker, Einzelhändler, Apotheker, Banker – die Reihe ließe sich unendlich fortsetzen.

Das alles kann kein Trost sein und nicht darüber hinweg täuschen, dass sich unsere Gesellschaft in einem großen Wandel befindet. Die Bedürfnisse der Kunden verändern sich und die Einkaufsgewohnheiten obendrein. Das gilt insbesondere auch für den sensiblen Bereich der frischen Lebensmittel.

Obwohl vieles weniger wird – wie die Anzahl der Fachgeschäfte, der Discounter, Bauernhöfe, Kinos, Warenhäuser, Bankfilialen – werden die einzelnen Unternehmen viel leistungsfähiger. Das zeigt auch die Entwicklung der fleischerhandwerklichen Betriebe. Je nach Geschäftsmodell wächst das Hauptgeschäft, oder das Unternehmen expandiert durch Filialisierung sowie Spezialisierung.

Konzentration und Konsolidierung sind nicht per se ein Mangel. Sie sind Teil einer Entwicklung, die weiter voranschreiten wird. Verantwortliches Handeln verlangt danach, sich auf diese Veränderung einzustellen. Leichter gesagt als getan, denn auch die Großen der hiesigen Fleischwelt leiden an der gleichen Krankheit: Das Wachstum stößt an Grenzen. Unsere Gesellschaft ist in gewisser Weise satt.

Der Pro-Kopf-Verzehr wird nicht zulegen, stattdessen durchaus anspruchsvoller. Die Bereitschaft, für bessere Lebensmittel aus verantwortungsvoller und nachhaltiger Erzeugung tiefer ins Portemonnaie zu greifen, bleibt begrenzt.

Saitenwürste
(Bild: DFV)

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Zusätzlich wird es in Deutschland immer schwieriger für die Unternehmen, ausreichend Fachkräfte zu rekrutieren. Es herrscht nahezu Vollbeschäftigung im Land. Das Begeistern von jungen Menschen für eine Ausbildung und die Gewinnung von Fachkräften ist jedoch für die Zukunftssicherung der Betriebe enorm wichtig.

Während Industrie-Unternehmen auf Automatisierung von Arbeitsabläufen und den Einsatz von Robotern setzen, wird das für Handwerksbetriebe nur bedingt möglich sein. Die Metzgerei braucht auch in Zukunft gut ausgebildetes Personal, um Kunden persönlich mit einer Fachberatung zu begeistern.

Schwere körperliche Arbeit kommt für immer weniger Menschen in Frage. Das bedeutet, dass schwere und anstrengende Tätigkeiten in nicht allzu großer Ferne sehr teuer werden. Um so wichtiger wird es, die Leistungsfähigkeit der einzelnen Betriebe zu erhalten, damit im Zeitalter der flott voranschreitenden Digitalisierung Luft für Investitionen bleibt. Das bedeutet unabhängig von der Unternehmensgröße einerseits zu prüfen, wo ein Roboter oder eine prozessgesteuerte Anwendung Arbeiten übernehmen kann. Andererseits sollten Tätigkeiten identifiziert werden, für die Fachpersonal unersetzlich bleiben wird.
„Was verlangt der Verbraucher heute von seinem Metzger, welche Erwartungen stellt er an ihn? Unterscheiden sich diese Ansprüche und Wünsche im Vergleich zu anderen Einkaufsstätten wie Discounter und Supermärkte? “
Jörg Schiffeler, afz-Chefredakteur
Das ist die produzierende Seite der Medaille, doch letztlich müssen Produkte und Dienstleistungen auf die Nachfrage der Kunden treffen. Was verlangt der Verbraucher heute von seinem Metzger, welche Erwartungen stellt er an ihn? Unterscheiden sich diese Ansprüche und Wünsche im Vergleich zu denen an andere Einkaufsstätten wie Discounter und Supermärkte?

Und schließlich wird etwas immer wertvoller, was rar geworden ist: der Metzger mit seinem Stammgeschäft vor Ort. Der Kunde hat Bedürfnisse, beispielsweise die Sehnsucht nach „seinem Fleischer“. Und so bringt die Digitalisierung Chancen zurück, weil der Mensch immer auch ein Gefühl mit allen Sinnen erleben möchte, anstatt nur Tasten zu drücken oder über den Bildschirm zu wischen.

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