Kommentar von
Jörg Schiffeler

Strukturwandel Es wird Zeit, sich um den Rohstoff zu kümmern

Dienstag, 20. Oktober 2020
Die Corona-Pandemie überstrahlt zurzeit sämtliche Sachthemen, die die Agrar- und Fleischwirtschaft zu lösen hat. Dazu gekommen ist der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest (ASP) im September dieses Jahres. Corona und ASP nehmen Landwirte und Schlachtbetriebe in die Zange.

Dabei fordern die Tierhalter ohnehin schon der Ausstieg aus der betäubungslosen Kastration von Ferkeln, der gewünschte Umbau von Ställen für ein spürbares Mehr an Tierwohl sowie die Zahlungsbereitschaft für höhere Tierwohlstandards heraus. Hinzugekommen sind durch die Verbreitung des Coronavirus verringerte Schlachtkapazitäten, weil einerseits Mitarbeiter erkrankt sind und andererseits Schichten aufgrund von Hygienemaßnahmen verkleinert werden. Und ein Teil der künftigen Ex-Werkvertragskräfte fehlt, weil sie in andere Branchen abwandern. Dazu vergrößert der ausgesetzte Export von Schweinefleisch außerhalb der Europäischen Union das Angebot hierzulande und verändert Arbeits- und Warenströme und damit auch die Wirtschaftlichkeit.

Der Umbau der Nutztierhaltung ist zwar gesellschaftspolitischer Konsens, doch den Runden Tischen und Arbeitspapieren sollten alsbald umsetzbare Ableitungen folgen. Die Erzeugerstufe benötigt Planungssicherheit, damit auch Maßnahmen durchgeführt werden können. Vielen Sauenhaltern, Ferkelerzeugern und Mästern fehlt jegliche Perspektive. Umso mehr muss sich der Fleischsektor die Frage nach der Rohstoffsicherheit stellen. Die Zukunft hängt dabei nicht nur an der Notierung, sondern an einem nachhaltigen Bekenntnis zu fairen Partnerschaften zwischen Erzeugern und Verarbeitern. Beide Parteien brauchen Luft, um eine gesellschaftlich akzeptierte Nutztierstrategie zu realisieren.

So hat Edeka Südwest eine Preisuntergrenze für Schweinefleisch von Erzeugern des Programms Gutfleisch eingeführt. In Bayern üben Bauern und Metzger den Schulterschluss. Ziel ist es, auch Schlachtstätten in der Region zu erhalten. Dezentral also, so wie es die Politik immer wieder postuliert. Denn wenn es vor Ort keine Schweinehalter mehr gibt, kann man auch keine nahgelegenen Schlachtbetriebe erhalten.

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(Bild: Edeka)

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DFV-Vizepräsident Konrad Ammon schilderte in der Mitgliederversammlung des Deutschen Fleischer-Verbands eindrucksvoll, dass in den vergangenen zwei Jahren rund 30 Prozent der Ferkelerzeuger aufgaben. Die benötigten Tiere werden nun aus anderen EU-Staaten importiert, so der bayerische Landesinnungsmeister. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft muss alle Marktbeteiligten wachrütteln. So wie die Anzahl der Unternehmen in Schlachtung, Zerlegung und Verarbeitung sowie im Fleischerhandwerk weiter abnehmen wird, wird es künftig auch weniger landwirtschaftliche Betriebe geben.

Was bedeutet das für den Sektor? Insbesondere die vielen fleischerhandwerklichen Unternehmen müssen aufpassen, woher der Rohstoff künftig kommt. Überdies stellt sich die Frage, ob die gewünschten Qualitätsmerkmale lieferbar sind. Wer Schweinefleisch nicht bei den Top Ten des Landes beziehen möchte, könnte das Nachsehen haben. Und das ist gefährlich. Vor allem die Fleischer müssen über ihren eigenen Schatten springen und sich festlegen. Das wird vielen Meistern schwer fallen, denn sie kaufen gern mal hier und mal dort ein, schielen auf die wöchentliche Notierung und loten den besten Beschaffungspreis aus. Ob das Zukunft hat, ist fraglich, denn wenn die Fleischer-Fachgeschäfte nicht die gleiche Ausgangsware wie Supermärkte und Discounter in ihren Theken platzieren möchten, müssen Alternativen her.

Dafür brauchen die Metzger nicht einmal Mut, denn die aktuellen Themen Regionalität, Transparenz, Persönlichkeit und Nachhaltigkeit spielen ihnen besonders in die Hände. Die Corona-Krise hat vor allem die Fachgeschäfte mit einer satten Kundennachfrage belohnt, die bereits vor der Pandemie in Fleischqualitäten und Theken investiert haben.

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