Kommentar von
Jörg Schiffeler

Tarifverhandlungen Der Lohn ist auch ein Zeichen der Wertschätzung

Dienstag, 17. Oktober 2017
Zwischen „deutlich aufgestockt“ und „Magerangebot“ liegen Welten. So diametral liegen aber die Wahrnehmungen von Arbeitgebervertretern und den Gewerkschaftern zum Thema Aufbesserung des Mindestlohns auseinander.

Die erste Runde der Tarifverhandlungen zwischen der Fleischindustrie und der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten verlief ohne Ergebnis. Das verwundert nicht, schließlich setzten sich die beteiligten Parteien zunächst an einen Tisch und loteten Positionen aus. Das ist inzwischen sechs Wochen her. Vergangene Woche setzten die Tarifpartner ihre Beratungen fort. Aus meiner Sicht war es ein Pokerspiel, das übliche Ritual der Kontrahenten.

Denn während die NGG mit einem Angebot von mindestens zehn Euro je Stunde rechnete, blieb die Arbeitgeberseite – vertreten durch den Verband der Ernährungswirtschaft (VdEW) – um mehr als einen Euro darunter. Zum Ausgleich boten Sie eine Monatspauschale von 30 Euro zusätzlich an. Klar, dass zu diesem Zeitpunkt keine Einigung erzielt werden konnte.

Mindestlohn 8,75 Euro
(Bild: jus)

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Mindestlohn Stillstand im Tarifpoker

Unbestritten gibt es Unternehmen, die nach Haustarif bereits besser bezahlen, um im Wettbewerb um die besten Talente bestehen zu können. Nicht wenige Schlachter, Zerleger und Verarbeiter versuchten Werkvertragsarbeiter anzustellen – einigen gelang dies auch. Respektiert werden muss aber, dass nicht jeder aus einem befristeten Werkvertrag aussteigen will.

Wer in dem Tarifpoker Angebot und Erwartungshaltung verstehen möchte, muss die Position des jeweils Anderen begreifen. Das Angebot der Großschlachter und Zerleger sowie der Fleischverarbeiter berücksichtigt die wirtschaftliche Situation der Unternehmen. Hohe Beschaffungskosten für Schlachtschweine einerseits und niedrige Abnahmepreise verschärften zuletzt die Konsolidierungswelle im Fleischsektor. Zahlreiche – auch namhafte Hersteller – gerieten in wirtschaftliche Schieflage und mussten in diesem Jahr die Insolvenz anmelden.

Die Gewerkschaft beobachtet neben dem gesetzlichen Mindestlohn sehr genau die Entwicklung von Branchen-Mindestlöhnen. In etlichen Berufen ist die Zehn-Euro-Grenze längst durchbrochen und auch Ende 2018 ist der aktuelle Tarif von 8,84 Euro Geschichte. Außerdem ist es nicht nur der NGG ein Dorn im Auge, dass die Betriebe der Fleischwirtschaft den gesetzlichen Mindestlohn unterschreiten. Selbst beim klassischen Fleischer gibt’s mehr und der Handel legt ebenfalls noch etwas drauf. 

Die komplette Branche – egal ob Industrie- oder Handwerksbetrieb – leidet unter einem enormen Mangel an Arbeitskräften. Ein Hauptgrund dafür sind die Arbeitsbedingungen und Verdienstmöglichkeiten sowie das schlechte Bild von dem Sektor in der öffentlichen Wahrnehmung. Infolgedessen kommt es zu massiven Abwanderungen in andere Branchen, in denen mehr gezahlt wird. Deshalb ist es richtig, dass die überwiegende Zahl der Arbeitsverhältnisse der osteuropäischen Arbeitnehmer auf deutsches Recht umgestellt wurde, was die Beschäftigung im Fleischsektor attraktiver macht. Doch das ist nur ein Baustein.
„Der Faktor Mensch ist der Schlüssel für die Zukunft der Betriebe. Automatisierung und Digitalisierung können Aufgaben übernehmen, aber eben nur zum Teil. Auch deshalb bleibt eine Beschäftigung in den Fleischerberufen sicher. Ob sie attraktiv ist, das bestimmen die Unternehmen.“
Jörg Schiffeler, afz-Chefredakteur
Das Fleischerhandwerk investiert kräftig in die Nachwuchswerbung und in das Aufpolieren seines Images. Da passt es nicht in die Zeit, dass Großbetriebe Löhne immer noch klein rechnen wollen. Schon jetzt müssen Unternehmer Aufträge ablehnen, weil es an Personal für die Durchführung fehlt. Das wird sich verschärfen. Der Faktor Mensch ist der Schlüssel für die Zukunft der Betriebe. Automatisierung und Digitalisierung können Aufgaben übernehmen, aber eben nur zum Teil. Auch deshalb bleibt eine Beschäftigung in den Fleischerberufen sicher. Ob sie attraktiv ist, das bestimmen die Unternehmen.

Wer um Löhne pokert und seine Massenprodukte „Metzger like“ inszeniert, sollte Obacht geben, dass er nicht die Quittung erhält. Die Kaufbereitschaft der Kunden an SB-Regal und Bedientheke kennt Grenzen und Verbraucherschützer warten nur auf neue Angriffspunkte.

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