Kommentar von
Jörg Schiffeler

Tierhaltung Wer vorweg geht, setzt die Vielfalt nicht aufs Spiel

Dienstag, 12. Dezember 2017
Tierwohl und nachhaltige Nutztierhaltung sind Dauerbrenner. Was kann dazu an dieser Stelle noch beigetragen werden ohne bekannte Argumente auszutauschen?
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Tierwohl Tierhaltung Deutscher Fleisch Kongress


In dieser Ausgabe komme ich dennoch nicht am Wohl der Tiere vorbei. Erstens war es eines der beherrschenden Themen zu unserem großen Branchenevent, dem Deutschen Fleisch Kongress. Zweitens erschütterten die Berichte von „Report München“ und der „Süddeutsche Zeitung“ einmal mehr die Konsumenten, weil Tierquälerei im Schlachthof die Runde machte. Zum Dritten zeigen uns in dieser afz die Niederländer eindrucksvoll, dass es auch anders gehen kann. Dazu machten sich unsere Autoren Rainer Heck und Dieter Heimig auf den Weg über die Grenze ins Nachbarland. 

Die Berichte der beiden Fachjournalisten zeigen, dass Holländer offenbar etwas anders ticken. So sieht der niederländisch-deutsche Fleischkonzern noch erhebliches Wachstumspotenzial in der Vermarktung von Bio-Fleisch von Rind und Schwein. Was 1981 als Nische mit „De Groene Weg“ begann, feiert heute Erfolg und spornt Verarbeiter und Lebensmittelhandel im ganzen Königreich an, weiter voranzuschreiten.

Ähnlich verhält es sich mit Fleisch aus tierfreundlicherer Haltung. Hier leben Erzeuger, Verarbeiter und Händler einen Schulterschluss. In die Handelsregale und Bedientheken wird gelistet, wovon die Branche überzeugt ist: Fleisch mit Mehrwert für Genuss ohne Reue.

Während hierzulande einerseits der Schwarze Peter gern zwischen Handel und Lebensmittelherstellen sowie der Landwirtschaft hin und her geschoben wird, muss andererseits der Konsument herhalten: Es wird bestellt, was der Kunde kauft. Ob wir das jemals durchbrechen können? Es ist wie Hase und Igel oder Henne und Ei. Weil König Kunde aber in Deutschland besonders gern aufs Preisetikett schaut, die Schnäppchenjagd ein Hobby ist, wird ein Unbehagen am Point-of-Sale hingenommen.

Schweinehaltung - Sauenhaltung - Sauenhain
(Bild: fl)

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Konsumverhalten Faszinierend widersprüchlich

Dr. Johannes Simons von der Bonner Uni weiß warum. Auf die Frage „Wer soll es in die Hand nehmen, mehr Tierwohl durchzusetzen?“, antworteten in einer Umfrage 81Prozent: „Die Anderen!“ Die Wissenschaft erklärt das unter anderem damit, dass die Gesellschaft über nahezu keine Kenntnisse über die Tierhaltung verfügt. Wir alle wissen, dass sich die Erzeugung der Mittel zum Leben immer weiter von den Menschen und damit aus dem Alltag entfernt hat.

Warum soll der Verbraucher zu Tierwohlprodukten greifen, wenn die Politiker, Bundes- und Landesregierungen, Tier- und Verbraucherschützer noch über Grundlegendes wie Massentierhaltung, Genehmigung neuer Mastbetriebe und mehr Platz im Stall diskutieren – und das in allen Farben, die das Parteienspektrum bietet?
„Auch wenn der Verbraucher beim Einkaufen die Macht entfalten könnte, so liegt die Verantwortung ebenso bei Handel, Handwerk, Industrie und Landwirtschaft. “
Jörg Schiffeler, afz-Chefredakteur
Abseits davon hat eine stattliche Anzahl von Unternehmen einen eigenen Weg eingeschlagen. Offenstall und Fleisch mit besonderen Tierschutzkriterien sind eine hervorragende Bereicherung. Sie müssen aber aus der Nische. Auch wenn der Verbraucher durch sein Einkaufsverhalten die Macht entfalten könnte, so liegt die Verantwortung ebenso in Handel, Handwerk, Industrie und Landwirtschaft.

Das Beispiel Niederlande zeigt, dass die Branche Herausforderungen wie Tierwohl, Nutztierstrategie, Ferkelkastration und Ebermast viel besser selbst auf den Weg bringen kann – ganz ohne staatliche Eingriffe und ohne Bevormundung der Konsumenten. Setzt Euch an einen Tisch und entscheidet Euch für einen Weg!

Deutschlands Händler haben klare Vorstellungen über diese Themenfelder. Das lässt sich in den Regalen und Bedientheken schon daran ablesen, dass es die verschiedensten Auslobungen gibt. Mal mit Bio-Siegel, mal mit Tierschutz-Label oder Regionalsignet und natürlich von der Preiseinstiegsstufe bis zur Premiumqualität. Vielleicht können wir Kunden beraten und führen ohne sie zu bevormunden und damit Haltung zeigen.

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