Kommentar von
Arne Löffel

Tierwohl- & Umweltdebatte Höhere Preise für Lebensmittel belasten vor allem die Armen

Dienstag, 17. Dezember 2019
Die Tatsache, dass Sie diesen Artikel lesen können, ist ein eindeutiges Indiz dafür, dass Sie nicht zu den sozial Schwachen zählen. Sie verdienen Ihr eigenes Geld, vielleicht als Angestellter, vielleicht auch im eigenen Betrieb.

Das Auskommen – gerade als selbstständiger Handwerker – ist gewiss nicht immer einfach, aber Sie sind nicht gezwungen, die Sozialsysteme oder darüber hinaus die ehrenamtlich arbeitenden Tafeln in Anspruch zu nehmen, um sich einen schönen Weihnachtsbraten leisten zu können.

Ohne in der vorweihnachtlichen Zeit zu moralinsauer wirken zu wollen: Das geht nicht allen so. Für fast vier Millionen Hartz-IV-Empfänger ist der Kauf eines Weihnachtsbratens ein schwerwiegendes finanzielles Engagement. Ähnlich geht es auch noch drei Millionen Rentnern, die laut einem Mikrozensus des Paritätischen Wohlfahrtsverbands zusätzlich von Altersarmut betroffen sind.

Dieses gesamtgesellschaftliche Problem, da sind sich die Experten einig, wird sich in Zukunft noch weiter verschärfen. Die demografische Entwicklung beschert den westlichen Industriestaaten immer mehr Alte, die auf den Renten- und Sozialkassen lasten. Es ist also zu erwarten, dass die Politik dieses Thema auch im kommenden Jahr intensiv debattieren wird.

Ein weiteres gesamtgesellschaftliches Thema, das uns unter Garantie ins kommende Jahr begleitet, ist der Kampf gegen den Klimawandel. Was nun wie ein drastischer Gedankensprung anmutet, hängt aber bei genauerer Betrachtung miteinander zusammen. Wie auch in dieser Zeitung ausführlich dargelegt wurde, gibt es zum Beispiel ein Mehr an Tierwohl und den von Klimaschützern geforderten Ausstieg aus der Massentierhaltung nur unter der Prämisse steigender Erzeugerpreise. Diese Mehrkosten müssen letztendlich von den Kunden finanziert werden.

Ungeachtet der Tatsache, ob der Konsument gewillt ist, höhere Preise zu bezahlen, ist festzustellen, dass höhere Preise vor allem zu Lasten der Bedürftigen in dieser Gesellschaft gehen werden. Daher hat die Forderung der Bauern, für ihre Erzeugnisse auch auskömmliche Preise zu erzielen, nicht nur Unterstützer. Der Bundesverband der Tafeln steht dem zum Beispiel kritisch gegenüber.

Zwar sei das Anliegen von Landwirten und Teilen der Politik verständlich, dass die Erzeuger für ihre Waren auch auskömmliche Preise erzielen müssen. Aber: „Auch Menschen, die wenig haben, müssen sich gesund ernähren können“, sagt Verbandschef Jochen Brühl der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ). Denn in der Tat: Eine Verteuerung der Lebensmittel träfe die Bedürftigen besonders hart.

Während der Normalverdiener derzeit laut Bundesregierung im Mittelwert 10,3 Prozent seines Durchschnittseinkommens von 1.890 Euro für Lebensmittel und alkoholfreie Getränke ausgibt, investiert ein Hartz-IV-Empfänger stolze 34,9 Prozent des Regelsatzes von nur 432 Euro für diese Waren. So viel kostet es nun mal, sich in Deutschland mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Da hilft es auch nicht, gegebenenfalls das Rauchen aufzugeben oder einen kleinen Fernseher zu kaufen. 

Die Debatte um höhere Preise für Lebensmittel, die Forderung mehr Wertschätzung für deren Wert, wird hauptsächlich von einer gut verdienenden Mittelschicht geführt. Das gilt auch in weiten Teilen für die Debatte um mehr Klima- und Umweltschutz. In der Argumentation werden eben diese Umwelt- und Klimaziele als gesamtgesellschaftliche Aufgabe dargestellt. Meist allerdings, um die Verursacher von CO2-Emissionen in die moralische Pflicht zu nehmen.

Wenn wir das gesamtgesellschaftliche Moment dieser Aufgabe aber ernst meinen, dann müssen wir alle uns darüber gewahr werden, dass der Steuerzahler auch die aus steigenden Verbraucherpreisen resultierenden Teuerungen über steigende Sozialleistungen mitfinanzieren muss. Erst so wird die Rettung des Klimas zu einer fairen Angelegenheit. 

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