Kommentar von
Jörg Schiffeler

Tierwohl- & Umweltdebatte Mal mitwirken statt abwehren

Dienstag, 18. Februar 2020
Es geht um die Wurst. Beim Spitzentreffen im Bundeskanzleramt Anfang dieses Monats einigten sich Politik und Handel auf mehr Fairness in der Lebensmittelkette.

Anlass für diesen außergewöhnlichen Gipfel unter Federführung von Regierungschefin Angela Merkel waren Proteste von Landwirten, Tierschützern und Verbraucherorganisation über Lockvogelangebote mit Fleisch.

Das ist nicht die einzige Front, an der in erster Linie die Fleischwirtschaft zu kämpfen hat. Nicht nur die Bewegung „Fridays for Future“ stellt die Konsumgewohnheiten und in besonderer Weise den Fleischverzehr sowie die Umweltauswirkungen in Frage. Damit sind auch die Fleischer im Boot, die sich für ihr Handwerk ebenso rechtfertigen müssen. Dreh- und Angelpunkt einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung ist die Vereinbarkeit mit Klimazielen und besseren Bedingungen bei der Mast von Rindern, Schweinen und Geflügel.

Da hilft es nicht abzulenken und auf andere zu deuten. Ein Verhaltensmuster, das gern benutzt wird, um den Schwarzen Peter weiterzureichen. Diesmal war der Schuldige leicht ausgemacht. Der Handel wurde an den Pranger gestellt. Dabei sind es gerade die großen Einzelhändler, die sich in Kooperation mit der Initiative Tierwohl (ITW) auf eine einheitliche Kennzeichnung der Haltungsform verständigt haben. Damit ist die Bereitschaft da, die Nutztierhaltung perspektivisch auf eine höhere Stufe zu heben. Da passt es so gar nicht ins Bild, dass einen weiterhin Fleisch und Wurst aus großformatigen Anzeigen in Zeitungen oder von Wurfsendungen im Briefkasten mit unglaublichen Preisrabatten anspringen. Wenn die Verantwortlichen in den Handelszentralen ihr Bekenntnis für mehr Tierwohl ernst meinen, müssen diese „Schweinebauch-Anzeigen“ ein Ende haben.

Wie soll der Bürger seine Wertschätzung für die Mittel zum Leben steigern, wenn er ständig Sonderangebote erwarten darf? Das konterkariert jeden Mehraufwand der Landwirte in der Urproduktion ebenso wie der folgenden Prozessbeteiligten in den Stufen Schlachtung und Verarbeitung. Der Verbraucher trägt selbstverständlich auch eine Verantwortung. Unser Gesellschaftssystem baut auf eine freie Marktwirtschaft und auf die Freiheit, persönlich zu entscheiden, was in den Einkaufskorb kommt und später auf dem Teller landet. Auch wenn Preisaktionen und Rabatte zur Realität der Marktwirtschaft gehören, gibt es Grenzen. Allerdings: Zur Bevormundung durch den Staat muss es nicht kommen.

„Während das politische Berlin noch diskutiert, wird Deutschlands größter Fleischkonzern aktiv. “
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Die aufs politische Parkett gebrachte Fleischsteuer allein wird den Verbraucher nicht erziehen. Die eingetriebenen Gelder werden für den Umbau der Nutztierhaltung bis 2040 eingesetzt. Während das politische Berlin noch diskutiert, wird Deutschlands größter Fleischkonzern aktiv. Tönnies hat sich eine Nachhaltigkeits- und Tierwohlagenda verpasst. Ziel ist es, die Haltungsbedingungen mehr als spürbar zu verbessern. So wollen die Ostwestfalen ihre Partner in der Landwirtschaft beim Bau von 500 Tierwohlställen unterstützen – ein hehres Ziel, denn die Genehmigungsverfahren gestalten sich immer komplexer.

Mit der Maßnahme will Tönnies bis 2030 den Anteil von Tieren aus übergesetzlichen Haltungsformen auf 70 Prozent steigern. Parallel dazu verlangt das Unternehmen, den Einsatz von Antibiotika drastisch zu reduzieren sowie die Nitratbelastung spürbar zu senken. Und: Der Fleischriese setzt auf neue Verpackungsformate, die mit weniger Material auskommen, senkt den Wasserverbrauch weiter, erhöht den Eigenstromanteil, verbessert die Arbeitsbedingungen und baut Werkswohnungen.
Tönnies - Konzernzentrale
(Bild: Tönnies)

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Der Vorstoß hat es in sich. Tönnies will damit den Wind, der der ganzen Branche entgegenbläst zum Abflauen bringen. Gleichzeitig setzt der Konzern die Agrar- und Fleischwirtschaft sowie die Fleischer mächtig unter Druck. Statt länger auf Ergebnisse aus Arbeitskreisen zu warten, wird der hiesige Marktführer aktiv. Zeit für alle, Farbe zu bekennen.

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