Kommentar von
Renate Kühlcke

Tierwohl Am Geld hängt letztlich alles

Freitag, 18. November 2016
Die aufreibende Suche nach der Tierwohl-Finanzierungsstrategie.

Wir streben den modernsten Tierschutz in Europa an. Mit dieser Absichtserklärung weist das Bundeslandwirtschaftsministerium der Vermarktungskette Schweinefleisch eindeutig die Richtung. Konzepte zu mehr Tierwohl in deutschen Ställen gibt es inzwischen verschiedene, ob die sich im Idealfall irgendwann verzahnen, bleibt abzuwarten. Absehbar ist, dass es nicht nur einen Weg geben wird. Wie der Umbau der Nutztierhaltung finanziell gestemmt werden soll, da fehlt nach wie vor die wegweisende Strategie.

Unstrittig ist, dass dieses Vorhaben am Ende nur mit viel Geld zu erreichen ist und die 100 Millionen Euro, die der Lebensmittelhandel von 2018 bis 2020 an die Initiative Tierwohl zahlen will, zwar ein bemerkenswerter aber letztlich – angesichts des tatsächlichen Finanzbedarfs – doch eher symbolischer Finanzbeitrag sein kann. Die wissenschaftlichen Berater der Bundesregierung sehen einen Mehrbedarf von bis zu fünf Milliarden Euro jährlich für eine andere Tierhaltung in Deutschland. Das wird die Wirtschaft allein nicht stemmen können. Ohne ordnungspolitische Maßnahmen kommt die Umgestaltung also nicht in Gang.

Ein Instrument wird das staatliche Tierwohllabel sein, das politisch für 2017 angekündigt ist und Geld ins System spülen soll. Das Konzept wird auf der Internationalen Grünen Woche im Januar vorgestellt. Ob es tatsächlich das gesellschaftliche Bewusstsein für die tierschutzgerechte Produktion verbessert, die Zahlungsbereitschaft des Verbrauchers erhöht und so dem Erzeuger höhere Fleischpreise zu realisieren hilft, steht in Frage. Vieles spricht dafür, dass auch ein staatliches Labeling nicht über die Nische hinaus kommt. Kein sehr vielversprechender Ansatz für eine zukunftsorientierte Finanzstrategie. Was bliebe, wäre die gezielte Umschichtung von Steuergeldern, die die Viehwirtschaft vorerst zu Zahlungsempfänger degradiert. In einem Bundeswahljahr wird das nicht zu befürchten sein.

Ein Gutes hat die aufreibende Auseinandersetzung. Es reift selbst im wissenschaftlichen Gutachtergremium die Erkenntnis, wie unsinnig es wäre, ginge das deutliche Mehr an Tierwohl in deutschen Ställen zulasten der Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Landwirtschaft. Offene Märkte schützen nun einmal nicht vor günstigen Produkten aus Ländern mit weniger Tierwohlbewusstsein. Ein Angebot, dem gerade die Masse der preisbewussten deutschen Verbraucher kaum widerstehen könnte und das das Ziel wertgerechterer Erzeugerpreise sabotieren würde.

Um die Finanzierung gab es fast von Beginn an Zoff. Der Bundeslandwirtschaftsminister hat sich trotzdem nicht in die Diskussionen hineinziehen lassen. Seiner Überzeugung nach wird der Preis für mehr Tierwohl an der Ladentheke gemacht. Ob dieser Ansatz den politisch gewollten großen Umbau trägt, ist fraglicher denn je.

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