Kommentar von
Jörg Schiffeler

Tierwohl Mut für größere Schritte statt kleiner Tritte

Dienstag, 28. Juli 2020
In den Umbau der Tierhaltung kommt Bewegung. Während die Borchert-Kommission ihre Empfehlungen für eine gesellschaftlich akzeptierte Nutztierstrategie abgab und Politiker aller Couleur ebenso wie Branchenverbände und Verbraucherschutzorganisationen um konkrete Ableitungen ringen, gibt die von der Agrar- und Fleischwirtschaft sowie dem Handel getragene Initiative Tierwohl (ITW) die Richtung vor.

Gott sei Dank, endlich, zum Glück, muss man da wohl beipflichten. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Regierung macht, was sie immer tut: eine Kommission berufen. Mehr als 30 Personen umfasst die Mitgliederliste der Zukunftskommission Landwirtschaft, die das Kabinett am 8. Juli beschlossen hat. Mit schnellen Ergebnissen wird erfahrungsgemäß nicht zu rechnen sein. Ein mehr als ärgerlicher Fehlgriff bei der Besetzung ist, dass weder das Fleischerhandwerk noch die Fleischindustrie in diesem Gremium vertreten sind. Immerhin gehören der Runde die Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie (BVE) und der Lebensmittelverband Deutschland an. 

Zukunftskommission Landwirtschaft - Strohschneider
(Bild: DFG / Aussenhofer)

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Gut, dass die Wirtschaft aktiv wird und ihre Anstrengungen für ein Mehr an Tierwohl ausbaut. So startet die Brancheninitiative zum Jahr 2021 mit der dritten Programmphase. Damit wird künftig ein Plus an Tierwohl verstärkt über den Markt finanziert werden. Das bedeutet: Mehr Leistung wie beispielsweise „Tierwohl-Plus“ im Stall kostet auch mehr. Die aus dem Bereich Geflügelfleisch im ITW-Programm vertraute Nämlichkeit (seit April 2018) wird nun auch für Schweinefleisch umgesetzt. Eine schon seit langem – nicht nur von Kritikern – geforderte Weiterentwicklung der Brancheninitiative macht das möglich.

Die Nämlichkeit garantiert dem Endverbraucher, dass Geflügelfleisch – und künftig auch Schweinefleisch – mit einem ITW-Label auch tatsächlich aus einem zuzuordnenden Betrieb stammt, der am Programm der ITW teilnimmt. Die Teilnahme ist wiederum mit Auflagen verbunden, beispielsweise mehr Platz im Stall, zusätzliches organisches Beschäftigungsmaterial, Raufutter oder auch verpflichtenden fachspezifische Fortbildungsmaßnahmen. Mit der Programm-Erweiterung bietet die Wirtschaft eine Lösung an. Bleibt zu wünschen, dass das Engagement in der aktuellen Debatte um Fleischerzeugung und Fleischverarbeitung Rückenwind erhält. Nach dem Motto: „Genuss mit gutem Gewissen“.
„Solange die Kunden weiter eher zu Fleisch von konventionell gehaltenen Tieren greifen, wird der Handel diese Nachfrage bedienen.“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, denn die Deutschen belügen sich bei kaum etwas anderem so sehr wie beim Essen. Auch wenn Haltungsbedingungen und Tierwohl für die Verbraucher besonders wichtige Kriterien sind, so wird an der Kasse abgestimmt. Viel zu oft wird die Einkaufsentscheidung zugunsten preiswerter Angebote getroffen. Solange die Kunden weiter eher zu Fleisch von konventionell gehaltenen Tieren greifen, wird der Handel diese Nachfrage bedienen. Landwirte, Fleischverarbeiter und Händler können nun ein zusätzliches Instrument nutzen, um ein seit Jahren diskutiertes Themenfeld vorantreiben. Es bedarf endlich größerer Schritte als kleiner Tritte.

Aufmerksame Verbraucher werden feststellen, dass die Werbung mit dem Tierwohl künftig keinen Etikettenschwindel mehr zulässt. Wer bisher als Teilnehmer ins ITW-System einzahlte und sich für die gute Sache engagierte, muss nun tatsächlich mit einem konkreten Produkt Farbe bekennen. Bauernpräsident Joachim Rukwied forderte bereits im September 2018 eine produktbezogene Haltungs- und Herkunftkennzeichnung.
ITW Hinrichs - si
(Bild: si)

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Das Fleischerhandwerk sollte die Aspekte der dritten Programmphase im Blick behalten. Auch wenn die Meisterbetriebe sich an den Theken fast überall am hohen Kundenzuspruch und guten Umsätzen freuen, sollten sie ihre Trümpfe wie Regionalität und Frische, exklusive Fleischspezialitäten, Partnerschaft mit dem ortsnahen Landwirt ausspielen. Klappern gehört zum Handwerk, insbesondere vor dem Hintergrund, dass den Fachgeschäften keine Millionen-Werbeetats zur Verfügung stehen.

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