Kommentar von
Jörg Schiffeler

Tierwohl Nicht nur Stroh macht froh

Dienstag, 02. August 2016
Nicht schon wieder werden viele von Ihnen jetzt denken: Warum schreibt die afz erneut über das Wohlbefinden der Tiere?

Es muss sein, denn einerseits decken Kontrollen der Überwachungsbehörden und Forschungsarbeiten von Wissenschaftlern Mängel auf. Und andererseits greift scheinbar bei vielen in der Kette der Fleischwirtschaft der Fachbegriff des Tierwohls zu kurz.

Was versteht die Fachwelt unter Tierwohl? Welche Assoziationen verknüpfen Akademiker, Fleischer, Meister, Lebensmitteltechnologen, Veterinäre, Politiker, Verbraucherschützer und Verbraucher damit? In Stufe eins ist die Vorstellung geprägt von einer romantisierten Landwirtschaft, in der Hühner, Schweine und Rinder auf den Weiden stehen, die die Nutztiere auch ernähren. Dieses Bild vom bäuerlichen Idyll hat aber nichts mit der Realität zu tun. Tiere werden in Ställen gehalten, und darin geht es äußerst unterschiedlich zu. Die Uni Göttingen dokumentierte Mängel bei der Wasserversorgung und suboptimale Haltungsbedingungen, die zu Krankheiten führen – und das unabhängig von der Bestandsgröße.

Stufe zwei betrachtet die Unversehrtheit von Schnäbeln, Ringelschwänzen, (Hörnern) und Geschlechtsorganen mit Blick auf die Kastration von Ferkeln sowie das massenhafte Töten von männlichen Küken. Themen, die beim Bürger nicht gut ankommen und die Branche unter Druck setzen.

Ebenso werden Tiertransporte zur Schlachtstätte und der Export von Lebendvieh von der Gesellschaft häufig scharf angegriffen und in Frage gestellt. Der Gesetzgeber passt die Rahmenbedingungen dann immer wieder an. Mit einer weiteren Verschärfung wie beispielsweise der Verkürzung von Transportzeiten muss gerechnet werden. Das ist Tierwohl Stufe drei.

Schweinemast - Schweinestall
(Bild: Ralf Baumgarten / Die Lebensmittelwirtschaft)

Mehr zum Thema

Tierwohl Keine Frage der Größe

Für den Otto-Normal-Bürger endet hier in der Regel die Betrachtungsweise. Nicht aber für den Experten. Die Gesundheit und Unversehrtheit von Geflügel, Ringelschwanz und Rindvieh endet nie. Diese Schwachstelle in der Stufe vier des Tierwohls erkannte die EU und erließ die Tierschutz-Schlachtverordnung. Das führte bei vielen in der Branche bis heute zu Kopfschütteln. Immer wieder wird als Argument angeführt, dass alles für das Wohl der Tiere unternommen werde, denn schließlich hänge die Fleischqualität direkt davon ab: Ruhe vor dem Schlachten, Reduktion von Stress und fachgerechte Betäubung.

Und dennoch geben die aktuellen Berichte bayerischer Behörden sowie die Ergebnisse einer Dissertation an der Tierärztlichen Fakultät der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität Anlass zur Sorge. Eine vergleichende Überprüfung des Tierschutzes in Schlachthöfen stellt nahezu systemische Schwachpunkte bei der korrekten Handhabung der Elektrobetäubung fest, weil der Zangenansatz immer wieder falsch gewählt wird. Auch die Stromparameter werden zu selten auf Ferkel, Mastschwein oder Sau abgestimmt. Bis die Tiere es zur Betäubungsbucht geschafft haben, mussten sie in nennenswerten Fällen Höhenunterschiede an Verladerampen überwinden. Beim Zutrieb spielt der Faktor Mensch die wichtigste Rolle, wenn dieser nicht automatisiert wurde. Wer nicht das Lichtspiel nutzt oder automatische Gatter einsetzt, verwendet durchaus elektrische Viehtreiber oder spritzt die Tiere nass. Für Ferkel sind die Tränken oft zu hoch angebracht. Die Promotionsarbeit stellt ebenfalls fest, dass verletzte Tiere in den Wartestall, statt direkt zur Schlachtung geführt werden.
„Die Gesundheit und Unversehrtheit von Geflügel, Ringelschwanz und Rindvieh endet nie, nicht einmal am Schlachtband.“
Jörg Schiffeler, Chefredaktion afz
Das alles muss schon lange nicht mehr sein – auch wenn bei allem die Frage im Raum steht: Was sind gravierende Mängel? Eine Kritik, die beide Arbeiten nicht beantworten. Müssen sie auch nicht, denn der Umgang mit lebenden Geschöpfen muss immer von Verantwortung geprägt sein. Zu jedem Zeitpunkt. Egal ob im Massenbetrieb oder bei der Hausschlachtung führt der Respekt vor dem Tier zur Wertschöpfung für Lebensmittel und zwangsläufig zu einer höheren Qualität der Produkte.

Please take notice: It is not allowed to paste and copy articles from this website! You have to buy the rights to this article. dfv media group.

Das könnte Sie auch interessieren
stats