Kommentar von
Sandra Sieler

Top-Unternehmen Trotz Stolpersteinen auf dem richtigen Weg

Dienstag, 13. November 2018
Die Geschichte der Fleischwirtschaft ist eine Erfolgsstory. Jährlich beeindruckt die Branche mit neuen Steigerungsraten: Der Umsatz wächst. Die Top 10 schlachten noch mal mehr. Der Export boomt.

Doch langsam mischt sich leichte Katerstimmung in die Euphorie: Die Schlachtzahlen gehen zurück. Der Schweinefleischverzehr sinkt. Immer mehr Verbraucher wollen – zumindest von Zeit zu Zeit – auf Steak, Schnitzel & Co. verzichten. Dennoch nimmt die Erfolgsgeschichte hier kein jähes Ende, wenn die Weichen jetzt richtig gestellt werden.

Irgendwo auf dem Weg zum erfolgreichsten Fleischerzeuger Europas ist die Anerkennung im eigenen Land auf der Strecke geblieben. Die Stimmen, die sich kritisch mit dem Fleischkonsum und der Nutztierhaltung auseinandersetzen, werden lauter. Und gerade mit den Schlagzeilen der vergangenen Tage von Tierquälereien an mehreren Schlachthöfen finden sie jetzt ganz aktuell einen neuen Resonanzboden.
Müller Fleisch - Versand
(Bild: Müller Fleisch)

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Tierhaltung und Fleischgeschäft sind untrennbar miteinander verknüpft: Wer erfolgreich Fleisch und Fleischwaren in Deutschland verkaufen will, muss sich um das Wohlergehen der rohstoffliefernden Tiere sorgen. Das verlangt der Verbraucher heute einfach. Er will mit gutem Gewissen das Hackfleisch in seinen Einkaufskorb legen und nicht mit einem mulmigen Gefühl in der Magengrube.

„Wir müssen Tierrechtlern guten Gewissens unsere Ställe zeigen können“, sagte DLG-Präsident Hubertus Paetow kurz vor Beginn der Nutztiermesse „Eurotier“ in Hannover. Darum geht es: Transparenz. Oft genug ist die Realität aber nicht das, was der Verbraucher sehen will. Wir brauchen andere Formen der Tierhaltung. Solche, die das Wohlergehen der Kreatur ebenso im Blick haben wie die Wirtschaftlichkeit. Nicht solche, die alles der Effizienz unterordnen. Dafür fehlt es jetzt schon an Akzeptanz, und das wird sich morgen auch nicht bessern. Die Massenware verliert.

Zahlreiche Unternehmen aus der Fleisch- und Fleischwarenindustrie haben sich bereits auf den Weg gemacht, um ihren Produkten das entscheidende Unterscheidungsmerkmal gegenüber dem Einerlei der Supermarkt- und Discounttheken zu geben.

Das wohl exklusivste Programm hat Mitte des Jahres Reinert auf den deutschen Markt gebracht: Wurst und Kochschinken von Schweinen aus antibiotikafreier Aufzucht. Das Fleisch stammt zwar aus Dänemark, aber das ist zweitrangig. Im Vordergrund steht das Plus an Tierwohl. Nur bei einem exzellenten Stallmanagement und besonderer Aufmerksamkeit für das Tier gelingt es, ein Schweineleben lang ohne Medikamente auszukommen. In vorbildlichen Betrieben gelingt das auch bei 90 Prozent eines jeden Mastdurchgangs. Das Thema Antibiotika findet Firmenchef Hans-Ewald Reinert im übrigen um einiges greifbarer für den Verbraucher als den abstrakten Begriff Tierwohl.

Um tiergerechtere Haltungsbedingungen geht es auch bei den Strohschweinen. Ihr Fleisch hat es in Bayern schon auf die Teller in den Kantinen der großen Arbeitgeber wie Allianz, Audi und MAN geschafft. Genauso engagieren sich in Niedersachsen gleich mehrere Unternehmen im Verein zur Förderung der Offenstallhaltung von Schweinen. Beim „Teutoburger Hofschwein“ geht es nicht nur um mehr Tierschutz, sondern hierbei zielen die Partner aus Landwirtschaft, Schlachtunternehmen, Verarbeiter und Handel außerdem darauf ab, dass sie möglichst viel vom Tier auch selbst verwerten. Dass Fleisch aus diesem Projekt bald flächendeckend verfügbar ist: unwahrscheinlich. Zu groß ist der Aufwand für die Umstellung beim Landwirt. Davor scheut mancher doch zurück.

Fortschritt ist aber immer mit Aufwand und einem gewissen Risiko verbunden. Es geht gar nicht darum, von heute auf morgen den Schalter in der Tierhaltung umzulegen, und nur noch „Tierwohlfleisch“ zu gewinnen. Vielmehr geht es um viele erste Schritte, die alle etwas in Gang setzen – und die die Erfolgsgeschichte der Branche weiterschreiben.
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