Kommentar von
Michael Weisenfels

Ungenutzte Potenziale heben

Freitag, 15. Juni 2012

Michael Weisenfels zur Jungebermast und den Herausforderungen von morgen

Jungeber waren bisher als Masttiere für die Fleischerzeugung eher eine Randerscheinung in Deutschland. Mäster hatten mit Abnahmeproblemen und Preisabzügen für ihre ausgemästeten Tiere zu rechnen. Das Verhalten der Jungeber untereinander erfordert darauf angepasste Haltungsformen, und auch die Zusammensetzung der Mastgruppen muss häufiger überprüft werden, als bei der Mast von Kastraten oder weiblichen Tieren. Somit war die Jungebermast für die Mäster eine undankbare Sache.

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it ihrer Entscheidung für eine Abnahmegarantie ohne Preisabschlag für Jungeber haben die großen Schlachtunternehmen Tönnies, Vion und Westfleisch den Mästern das Absatzproblem deutlich erleichtert. Ebenso geben sie auf diese Weise den Mästern Planungssicherheit für die Anpassung der Haltungsformen auf die Erfordernisse der Jungebermast. Mit ihrem Schritt zeigen die Großschlachter einen gangbaren Weg zum beschlossenen Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration. Damit ist die Praxis schneller als der deutsche Gesetzgeber, der die betäubungslose Ferkelkastration ab 2017 verbieten will.

B
ereits 2008 hatten sich in der „Düsseldorfer Erklärung“ der Deutsche Bauernverband, der Verband der Fleischwirtschaft und der Hauptverband des deutschen Einzelhandels auf den Verzicht der betäubungslosen Ferkelkastration verständigt. Die Kastration unter Betäubung hingegen bevorzugt der Deutsche Fleischer-Verband und lehnt die Ebermast aus Qualitätsgründen ab.

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ber nicht nur in Deutschland ist man sich uneinig, wie die beschlossene Änderung in der Praxis handzuhaben ist. Die internationale Eberkonferenz in Amsterdam Ende letzten Jahres zeigte, dass ein einheitlicher Weg in der EU nicht vorhanden ist und die Mitgliedstaaten nicht ausreichend kooperieren. Drei wesentliche Erkenntnisse führten bereits im Jahr 2010 zur freiwilligen „Brüsseler Deklaration“ nahezu aller beteiligten Institutionen der europäischen Schweinefleischbranche:

- Jährlich werden rund 100 Mio. Schweine in der EU kastriert. Das entspricht weder dem ästhetischen Empfinden der Fleischerzeuger noch dem der Verbraucher.

- Weil kastrierte Schweine Futter schlechter verwerten als nicht kastrierte Tiere, wird für die Fleischerzeugung über Börgen etwa 700 000 ha mehr Getreideanbaufläche benötigt, als für die Ebermast bei gleichen Fleischmengen erforderlich wäre.

- Anders als häufig angenommen, liegt der Anteil an männlichen Tieren mit Ebergeruch nach neuesten Schätzungen mit etwa drei Prozent niedriger.

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bwohl diese Fakten von allen Beteiligten in Europa akzeptiert werden, sind die Interpretation und der daraus abgeleitete Weg zum gemeinsamen Ziel von Land zu Land unterschiedlich. Die Länder befinden sich in unterschiedlichen Phasen der Umsetzung und verfolgen eigene, kaum vergleichbare Forschungsansätze. Koordination tut Not, diese Inseln miteinander zu verknüpfen und Synergien freizusetzen, um den Aufwand im Rahmen zu halten.

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chaut man auf die Aufgaben, die die Ernährungsbranche in den nächsten Jahrzehnten zu leisten hat, bekommen die Aktivitäten um die Ebermast eine andere Dimension. Bis zum Jahr 2050 wird die Weltbevölkerung auf 9,2 Mrd. Menschen angestiegen sein. Verglichen mit den Zahlen von 2007 ist das eine Zunahme von etwa 50 Prozent. Nach Berechnungen von Professor John D. Floros von der Pennsylvania State University muss bei diesem Wachstum der Weltbevölkerung in den nächsten 50 Jahren so viel Nahrung produziert werden, wie die gesamte Menschheit seit ihrer Entstehung bisher insgesamt hergestellt hat.

Nicht mit eingeplant in diesen Kalkulationen ist, dass sich mit steigender Entwicklung der einzelnen Staaten auch deren Verzehrsgewohnheiten ändern. So ist in China etwa der jährliche Verzehr von Fleisch von etwa 20 kg pro Person im Jahr 1980 auf etwa 50 kg pro Person im Jahr 2007 gestiegen. Ein wichtiger Schlüssel zur Bewältigung dieser gewaltigen Aufgabe ist neben Verbesserungen durch neue Technologien auch die bessere Ausnutzung von Rohstoffquellen und die Vermeidung von Verlusten. Deshalb muss der gemeinsame Forschungsansatz in die Richtung gehen, die Vorteile der Ebermast zu nutzen ohne aber die im Augenblick noch auftretenden Nachteile in Kauf nehmen zu müssen.

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oraussetzung für die wirtschaftlich erfolgreiche Umsetzung der Ebermast ist die Akzeptanz auf der Verbraucherseite und davon abhängig die der Verarbeitungsstufe. Hier muss es gelingen, durch technologische oder organisatorische Maßnahmen den wertvollen Rohstoff in hochwertige Lebensmittel zu verarbeiten. In vielen Ländern Europas ist Eberfleisch fest in den Markt eingeführt. Verbraucherbeschwerden gibt es dort so gut wie gar nicht – allerdings ist Eberfleisch dort auch kein Thema in den Medien.
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