Kommentar von
Jörg Schiffeler

VDF-BVDF-Jahrestagung Reduktion der Debatte auf den Schweinepreis greift zu kurz

Dienstag, 28. Mai 2019
Die Unternehmen der deutschen Fleischwirtschaft sehen sich mit großen Belastungen und Herausforderungen konfrontiert. So der Tenor der Presseinformationen zur gemeinsamen Jahrestagung des Verbands der Fleischwirtschaft (VDF) und des Bundesverbands der Deutschen Fleischwarenindustrie (BVDF). Was für eine Aussage! Und welches Bild gibt einer der wichtigsten Wirtschaftszweige damit nach außen ab?

Die „Situation für Unternehmen [ist] bedrohlich“ heißt es da aus der BVDF-Zentrale mit Verweis auf die Preisrallye für Schlachtschweine seit Mitte März. Dabei hat der Verband traditionell zu seiner Jahrestagung Bilanz gezogen und zwar für das Wirtschaftsjahr 2018. Das Ergebnis des Vorjahres mit aktuellen Entwicklungen zu verknüpfen überrascht. Ebenso wie die Tatsache, dass die Nachfrage der privaten Haushalte nach Fleisch einerseits sinkt, andererseits jedoch der Fleischkonsum seit dem Jahr 2000 nahezu stabil bleibt. Darüber berichtet ausführlich die Zeitschrift „Fleischwirtschaft“ in der aktuellen Mai-Ausgabe ab Seite 66. Was sich verändert, ist das Essverhalten. So wird beispielsweise immer öfter außerhalb der eigenen vier Wände gespeist: Die Anzahl der Restaurantbesuche steigt.

Beim Resümee für 2018 fehlt es sowohl an Umsatzzahlen wie auch an Strukturentwicklungen in der Branche. Dafür liegt der Fokus auf der Steigerung der Produktionsmenge. Einmal mehr erzeugten die Fleischverarbeiter mehr Wurst. Die Gesamttonnage stieg zum Vergleichszeitraum 2017 um 1,2 Prozent auf 1,551 Mio. t. Was schmerzt, ist der parallel um 1,7 Prozent auf 4,63 Euro gesunkene Durchschnittpreis je Kilo. Wohlgemerkt in 2018, denn erst in diesem Frühjahr setzte die Notierung zur Kletterpartie an.

Dem Klagen über hohe Rohstoffpreise steht der Anspruch der Wirtschaftsbeteiligten nach höherer Wertschöpfung gegenüber. Das passt nicht zusammen. Agrar- und Fleischwirtschaft entwickeln die Nutztierhaltung ganz klar weiter und dem Tierwohl wird ein immer größerer Stellenwert eingeräumt. Und doch schafft es die Branche nicht, dieses Mehr an Qualität, Produkteigenschaften und Tierschutz in Wertschöpfung umzulegen. Das muss sich ändern.

„Dem Klagen über hohe Rohstoffpreise steht der Anspruch der Wirtschaftsbeteiligten nach höherer Wertschöpfung gegenüber. Das passt nicht zusammen. “
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
In Berlin setzten sich die rund 250 anwesenden Mitglieder nicht etwa mit den Gefahren der Afrikanischen Schweinepest, dem extremen Anstieg der Notierung für Schlachtschweine, der Kameraüberwachung oder der Fachkräftesicherung und dem Fleischkonsum auseinander. Geht es dem Sektor etwa besser als gedacht oder werden die Challenges im Unterschied zu Veranstaltungen des Fleischerhandwerks nicht öffentlich diskutiert?

Im Zentrum der Podiumsveranstaltung standen ganz andere Themen wie ein Bekenntnis zu Europa durch den ehemaligen Wirtschaftsweisen Peter Bofinger. Den moralischen Wert von Fleischerzeugung und -konsum beleuchtete der evangelische Superintendent Bertold Höcker. Praxisgetriebene Themen wie die Ganzgenomsequenzierung und erste Erfahrungen mit dem neuen Verpackungsregister sowie der Trend zur Automatisierung kennzeichneten das Fachforum am zweiten Tag.
Christoph Minhoff - VDF-BVDF-Jahrestagung
(Bild: abe)

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Beeindruckt hat mich das Aufrütteln von Christoph Minhoff rund um das Thema (Branchen-)Kommunikation. Ein Dauerbrenner, dem auch wir bereits in der afz sowie bei einigen Forumsveranstaltungen viel Platz einräumten. Als Kernaufgabe arbeitete der BVE-Hauptgeschäftsführer heraus, die nachfolgenden Generationen besser zu verstehen. „Es wächst etwas heran, was mit neuen Mitteln Politik macht“, verdeutlichte er am Beispiel des Rezo-Clips im Vorfeld der Europawahl. Das Informations- und Kommunikationsverhalten der Generationen Y und Z ist ein völlig anderes als das der heutigen Unternehmens- und Verbandslenker. Das Web spielt dabei eine wichtige Rolle. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, neu zu denken und die Kommunikation zu emotionalisieren. Beginnen wir mit dem Zuhören.

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