Kommentar von
Renate Kühlcke

Verheerendes Preissignal

Freitag, 15. August 2014

Renate Kühlcke zur Kartellstrafe der Wurstbranche

Die deutsche Wurst ist viel zu teuer. Diesen Schluss zieht die Öffentlichkeit aus der desaströsen Kartellstrafe gegen namhafte Wursthersteller. Die Verbraucher fühlen sich abgezockt und übers Ohr gehauen, klagt die seriöse F.A.Z. an und blendet aus, dass dank der Preissensibilität der deutschen Schnäppchenjäger am Massenmarkt der verpackten Wurst andere Marktbedingungen herrschen als bei Zementfabrikanten und Schienenherstellern.

Ihren Kampf gegen den Niedrigpreis-Wettbewerb und die Immer-billiger-und-immer-mehr-Strategie des Lebensmittelhandels hat die Wurstbranche nun endgültig verloren, ganz gleich wie die angestrebte gerichtliche Klärung ausfallen wird.

Der Vorwurf, über Jahrzehnte – insbesondere ab 2003 – Absprachen getroffen zu haben, um im Rahmen bestimmter Spannen Abgabepreise vor allem gegenüber Discountprimus Aldi zu erhöhen, scheint dank Kronzeugen belastbar.

Dass die Verbraucherpreise deshalb ungerechtfertigt gestiegen sind, sieht selbst der Kartellamtschef nicht. Es bleibt ungeklärt, ob der Handel die vermeintlich abgesprochenen höheren Preise auch an seine Kunden weiter gereicht hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass Wurstpreise künstlich hochgehalten werden, ist angesichts der Wettbewerbssituation gering.

Rund 300 industriellen Fleischwarenproduzenten stehen in Deutschland gerade einmal vier marktbeherrschenden Einzelhandelsunternehmen gegenüber, die wiederum ein Drittel der gesamten Wurstmenge in eigenen Fleischwerken produzieren und entsprechend über die Kostenfaktoren dieser Warengruppe bestens informiert sind.

Den Kunden interessieren diese marktstrategischen Details nicht. Er sieht das Kartellamt als Preiswächter, das sich selbst ja auch so versteht. Absprachen führen nach dem Selbstverständnis der Wettbewerbshüter letztlich zu höheren Endverbraucherpreisen. Die Grenze zwischen verbotenen Absprachen und zulässigem Parallelverhalten gilt es für Marktakteure nicht zu überschreiten. Nur lässt die Behörde hier die Unternehmen im Regen stehen, denn eine die Marktrealitäten berücksichtigende Definition fehlt.

Dass die Verkaufspreise nichts mehr mit dem Gestehungspreis zu tun haben, ist bei kaum einer Warengruppe offensichtlicher. Zum strategischen Wettbewerbsinstrument verkommen, hat der auf dem Wurstetikett ausgewiesene „Preis“ nichts mit dem „Wert“ des Produkts zu tun. Was für den Handel logisches Überlebenstraining ist, ist für die Fleischverarbeiter ein gefährlicher Drahtseilakt.

Die bedrohliche Ausmaße annehmenden Ertragsprobleme nehmen seit Jahren zu und kaum eine Branche macht so wenig Profit. Seit Jahren stellt sich die Wurstindustrie mehr oder weniger erfolgreich dem zunehmenden Kosten- und Leistungsdruck, dem aber betriebswirtschaftliche wie technologische Grenzen gesetzt sind. Auch mit dem Ergebnis, dass nicht jede Rationalisierung und Effizienzsteigerung bei Produkt und Mitarbeiter Image fördernd ist.

Fleisch und Wurst müssten auch teurer werden, um mehr Tierschutz im Stall zu ermöglichen, so die immer populärer werdende öffentliche und politische Meinung. Das durchzusetzen dürfte jetzt noch schwieriger werden.
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