Kommentar von
Gerd Abeln

Wer definiert Fairness?

Dienstag, 06. Mai 2014

Gerd Abeln zur gesellschaftlichen und medialen Akzeptanz von Unternehmen

Anscheinend eine Lobeshymne aus der FleischWirtschaft sang am 14. Mai Hape Kerkeling im Privatfernsehen. In der Show „Die 2 – Gottschalk & Jauch gegen Alle“ mussten Thomas Gottschalk und Günther Jauch im Spiel „Hape singt“ antreten. Barbara Schöneberger reichte Kerkeling die März-Ausgabe, der die FleischWirtschaft rund eine Minute dem Saalpublikum und über 4,5 Millionen TV-Zuschauern singend in die Kamera hielt.

Zu der Melodie aus einem bekannten Song sang der Entertainer den Text aus einer vermeintlichen Stellenbeschreibung für eine Fachverkäuferin. Diesen Text hat es zwar so weder auf der entsprechenden Seite noch in der ganzen Ausgabe gegeben, aber das Publikum hatte trotzdem seinen Spaß und geht vielleicht ohnehin von einem gespielten Gag aus. Die Anforderungen an Fleischerei-Fachverkäuferinnen kamen auf jeden Fall veralbernd sympathisch an.

Weniger sympathisch in der gesamten Fleischwirtschaft dürfte dagegen angekommen sein, dass zwei Tage zuvor eine große
Regionalzeitung den Bundesratsbeschluss zum Mindestlohn in der Branche mit „Deutschland billig Schlachterland“ titelt. Gleich zwei Seiten zu „ausbeuterischer Arbeit auf Schlachthöfen“ beschreibt der Reporter – allerdings ziemlich einseitig.

Eine rumänische Frau, die sich im Auftrag der Landesregierung in Hannover um osteuropäische Vertragsarbeiter kümmert, wird ebenso als Kronzeugin bemüht wie ein Pfarrer, der die Unterbringung in Sammelunterkünften kritisiert. Hinzu kommt ein Gewerkschafter, der von einer „mafiösen Subunternehmerszene“ spricht. Stimmen von eben diesen Subunternehmern, ihren Auftraggebern oder Verbandsvertretern wurden anscheinend gar nicht erst eingeholt.

Nun sind nicht alle Unternehmer brave Jungs, aber eine ganze Branche kann nicht verantwortlich für mögliche Fehlleistungen einzelner sein. Natürlich braucht es menschenwürdige Unterkünfte und faire Bezahlung, aber wer definiert dabei, was „gerecht“ ist? Ein dänischer Schlachtkonzern hat Arbeitsplätze nach Deutschland verlegt, weil die gesetzlichen Rahmenbedingungen hier besser und die Löhne im eigenen Land europaweit am höchsten sind.

Rumänische Arbeiter kommen in unser Land, weil sie sich binnen weniger Jahre den Grundstock für ein besseres Leben im eigenen Land erarbeiten können. Und dafür nehmen sie so manche Entbehrung in Kauf. Arbeit im Akkord ist hart, aber trotzdem machen die meisten Arbeiter am Zerlegeband keinen unzufriedenen Eindruck.

Die Unternehmen aus der Fleischbranche brauchen angesichts des Mangels an Arbeitskräften die Hilfe aus Osteuropa, Mindestlohn und ein Werkvertragssystem mit Subunternehmern sind politisch gewollt. Selbstverpflichtungen einiger Betriebe für „gerechte“ Mitarbeiter-Rahmenbedingungen weisen den Weg, aber die Unternehmen brauchen auch Fairness bei der Berichterstattung sowie gesellschaftliche und mediale Akzeptanz.

Einseitigkeit und reißerische Überschriften führen in die Irre, der fachliche Blick scheint bei manchen Kollegen außerhalb der Fachpresse nicht gefragt. Bleibt zu hoffen, dass sich kritische Leser nicht hinters Licht führen lassen und einem Großteil des Show-Publikums das positive Bild vom Beruf der Fleischerei-Fachverkäuferin im Gedächtnis bleibt. Es muss ja nicht gleich eine Beziehung à la „I Was Made For Loving You“ werden; der Titel, den Jauch und Gottschalk am Ende als den gesuchten „Kiss“-Song richtig erkannt haben.
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