Kommentar von
Sandra Sieler

Point of Sale Keine Angst vor höheren Fleischpreisen für Verbraucher

Dienstag, 25. Juni 2019
Dafür, dass wir Deutschen in der EU zu den Spitzenverdienern gehören, sind unsere Lebensmittel verdammt billig. Das belegen einmal mehr die jüngsten Zahlen der Europäischen Union.

Während die Bundesrepublik beim Pro-Kopf-Einkommen in der obersten Liga der 28 Mitglieder spielt, fallen die Lebensmittelpreise allenfalls durchschnittlich aus. Die Slowenen beispielsweise verdienen gerade mal 60 Prozent des Einkommens der Deutschen, sie müssen aber annähernd gleich viel für ihr Fleisch bezahlen. Auch unsere Nachbarn in Österreich berappen deutlich mehr für Schnitzel, Steaks & Co. als die Bundesbürger. Und das bei annähernd gleichem Pro-Kopf-Einkommen.

Der Handel darf bei seiner Preisgestaltung also ruhig mutiger sein. Wenn der Kunde das tierfreundlich erzeugte Schweinefleisch links liegen lässt, liegt es offenbar weniger daran, dass er es sich nicht leisten kann – in anderen Ländern essen die Verbraucher auch nicht weniger Fleisch, obwohl es prozentual mehr von ihrem Einkommen verschlingt. In Wahrheit wollen sie es sich nicht leisten. Das ist ein Unterschied, da ist also noch Luft nach oben.

Obwohl das Fleisch hier im Verhältnis zum Einkommen günstig ist, schrauben die Verbraucher hierzulande ihre Ansprüche immer weiter hoch: Ein Produkt darf ja heute nicht mehr nur sicher sein. Die Wurst soll außerdem vom glücklichen Tier stammen, ohne Zusatzstoffe erzeugt sowie umweltschonend verpackt sein und direkt aus der Region kommen. Das alles gibt es aber nicht zum Nulltarif.

Lebensmittelhandel - Preise
(Bild: Steve Buissinne / pixabay.com)

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Die Modernisierung der Nutztierhaltung beispielsweise kann nur gelingen, wenn am Schluss jemand dafür bezahlt. Und das wird der Endverbraucher sein müssen. Die Margen in der Erzeugungskette Fleisch sind jetzt schon so schmal, dass eine dauerhafte Erhöhung eines Kostenblocks manche Unternehmen ganz schnell ins Schlingern bringt. 

Sehr anschaulich zeigt das gerade die Preishausse am Schweinemarkt in den vergangenen Wochen. Natürlich stöhnen die Verarbeiter schon quasi reflexhaft unter den hohen Einkaufspreisen. Aber bis zum Ende des Jahres wird wohl tatsächlich mancher Unternehmer zum Insolvenzrichter gehen oder unter das rettende Dach eines Mitbewerbers schlüpfen müssen.

Auch der Fleischverarbeiter Bell hatte in den vergangenen Monaten an den explodierenden Rohstoffpreisen zu knapsen. Schließlich lassen sich diese Kostensteigerungen gerade im deutschen Lebensmitteleinzelhandel nicht so einfach an die nächste Stufe abwälzen. Da zeigen sich manche Handelsketten knallhart. Jetzt haben die Schweizer die Lust am deutschen Markt verloren und ihre Wurstsparte an Zur Mühlen verkauft. Die Gruppe hat sich schon ganz andere strauchelnde Unternehmen einverleibt. Sie wächst und wächst. Nur wie lange noch? 
„Ohne gleich am Hungertuch zu nagen: Die Deutschen könnten mehr für ihre Lebensmittel ausgeben. Unseren europäischen Nachbarn gelingt das ja auch. “
Sandra Sieler, stellvertretende Chefredakteurin
Der deutsche Fleisch- und Wurstmarkt muss wertiger werden, und der Handel hat dazu den Schlüssel in der Hand. Ohne höhere Preise wird der Wandel in der Nutztierhaltung nicht gelingen. Und der ist nötig, um die Produktion am Standort Deutschland zu sichern. Denn egal, in welche fernen Länder wir exportieren, wir brauchen die Akzeptanz hier, gleich an dem Ort, an den der Schweinestall angrenzt. Dort muss es den Tieren gut gehen. Wir können und wir müssen uns das leisten.

Schließlich zeigt der Blick auf das Preisniveau in Deutschland eines ganz deutlich: Die Deutschen könnten mehr für ihre Lebensmittel ausgeben ohne gleich am Hungertuch zu nagen. Unseren europäischen Nachbarn gelingt das ja auch. Der hiesige Konsument ist es nur einfach nicht gewohnt und seit Jahrzehnten auf „billig“ getrimmt. Mit guten Geschichten und echtem Mehrwert lässt er sich hoffentlich überzeugen, für mehr Qualität wahrhaftig auch mal tiefer in die Tasche zu greifen.

Im Budget gibt es ja noch Spielraum. Den sollte der Handel jetzt nutzen, damit der Mehraufwand in der Kette auch honoriert werden kann, über sämtliche Stufen hinweg.

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