Corona-Krise „Das Handwerk ist anders“

Dienstag, 23. Juni 2020
Der Bremer Herbert Dohrmann ist seit Oktober 2016 Präsident des Deutschen Fleischer-Verbands (DFV).
Foto: DFV
Der Bremer Herbert Dohrmann ist seit Oktober 2016 Präsident des Deutschen Fleischer-Verbands (DFV).

Die Pandemie beschert den Fleischern teils gute Umsätze. Es klemmt aber leider im Partyservice. Ein Gespräch mit Herbert Dohrmann über die Unterschiede zur Fleischindustrie und über Forderungen an die Politik.

Die Corona-Krise beschäftigt das ganze Land seit mehreren Monaten. Viele Branchen mussten schwere Einbußen hinnehmen. Wie schlägt sich das Fleischerhandwerk?

Herbert Dohrmann: Ich denke, wir können zufrieden sein. An den Theken sehen wir fast überall hohen Kundenzuspruch und gute Umsätze, obwohl sich das Einkaufen durch Zugangsbeschränkungen und Maskenpflicht anders anfühlt. Die Kunden haben das alles problemlos mitgemacht.

Wie erklären Sie sich diese positive Entwicklung?

Dohrmann: Wir haben sehr schnell erreicht, dass wir als systemrelevant eingestuft wurden, und konnten deshalb durchgehend weiterarbeiten. Außerdem profitieren wir in den Läden davon, dass fast der gesamte Außer-Haus-Verzehr eingebrochen ist. Die Menschen essen jetzt zuhause und kaufen dafür bei uns ein. Aber diese Entwicklung hat natürlich auch eine Kehrseite.

Sie meinen in den Bereichen Partyservice und im Catering?

Dohrmann: Richtig. Für viele unserer Kollegen ist das ein wichtiges, für manche sogar das entscheidende Standbein. Hier sind die Umsätze nahezu auf Null gefallen, was dann auch durch gute Ladengeschäfte nicht ausgeglichen werden konnte. Das trübt das ansonsten erfreuliche Bild deutlich ein.

Gibt es Unternehmen, die deswegen in Bedrängnis geraten sind?

Dohrmann: Durch eine Mitgliederbefragung wissen wir, dass rund 15 Prozent unserer Unternehmen durch solche Einbrüche finanzielle Engpässe meistern mussten. Vor allem das Kurzarbeitergeld und die direkten Zuschüsse von Bund und Ländern haben diesen Kollegen geholfen. Es bleibt also das Fazit, dass wir froh sein können, bisher so gut durchgekommen zu sein.

Die Schlagzeilen zu den massenhaften Corona-Fällen in der Fleischwirtschaft werden Ihnen aber sicher nicht gefallen haben.

Dohrmann: Ganz sicher nicht. Es ist schon ein gewaltiges Ärgernis, dass ein Teil der Branche immer wieder durch inakzeptable Vorgänge ein solch verheerendes Bild abgibt. Das kann niemandem gefallen, der in der Kette arbeitet. Ich darf Ihnen versichern, dass es uns keinen Spaß macht, an der Ladentheke ständig Dinge erklären zu müssen, die wir selbst strikt ablehnen. Die aktuellen Ereignisse fügen sich ja ein in eine ganze Reihe von Vorkommnissen. Vielleicht ist da in der Berichterstattung manches unfair, aber die jüngste Krisenkommunikation hat uns schon verwundert. Etwas mehr Demut anstelle von bissigen Pressestatements hätte manchem vielleicht gut getan.

Es geht um die ausländischen Werkvertragsarbeitnehmer. Sind Sie für ein Verbot solcher Verträge?

Dohrmann: Ich weiß nicht, ob es wirklich unverzichtbar ist, solche Arbeitnehmer zu beschäftigen. Aber ein Verbot von Werkverträgen scheint mir nicht die Lösung des Problems zu sein. Wenn man das richtig macht, ist das sicher akzeptabel. Dazu gehört aber, dass man diese Leute anständig behandelt, sie ordentlich bezahlt und angemessen unterbringt. Dafür sind nicht nur die ausländischen Verleihfirmen verantwortlich, sondern auch die Unternehmen, in denen die Menschen arbeiten. Ich denke, das Problem ist nicht der Werkvertrag, sondern der Umgang damit.

Gibt es im Handwerk auch solche Beschäftigungsverhältnisse?

Dohrmann: Die meisten fleischerhandwerklichen Betriebe beschäftigen zwischen zehn und 25 Mitarbeitern. Die sind fest angestellt und gut ausgebildet. Werkverträge spielen da aufs Ganze gesehen keine Rolle. Deshalb ärgert es uns ja auch, wenn durch eine undifferenzierte Betrachtung der Eindruck entsteht, dass alle, die mit Fleisch zu tun haben, auf dieselbe Weise arbeiten. Allein schon der Sammelbegriff „Fleischwirtschaft“ erweckt diesen falschen Eindruck. Wir legen Wert darauf, dass es große Unterschiede zwischen Handwerk und Industrie gibt.

„Uns stört, dass die Politik nicht differenziert.“
Herbert Dohrmann, DFV-Präsident
Im Handwerk sind die Guten und in der Industrie die Bösen?

Dohrmann: So meine ich das nicht. Erstens sind auch in der Fleischindustrie nicht alle Unternehmen gleich, und zweitens gibt es an vielen Stellen eine qualitätsorientierte Zusammenarbeit zwischen Industrie und Handwerk. Dagegen ist auch nichts einzuwenden.

Ich spreche also nicht darüber, ob Handwerk besser oder schlechter ist als die Industrie, aber es ist anders. Hier wird anders gearbeitet, mit anderen Abläufen, mit anderen Rahmenbedingungen und offensichtlich auch mit anderem Personal. Es wird Zeit, dass das überall gesehen und anerkannt wird.

Wo sehen Sie da Defizite?

Dohrmann: Ganz sicher nicht bei unseren Kunden. Die kommen nach wie vor in großer Zahl zu uns. Ohne Presseschelte zu betreiben: Leider wird trotz aller Mühen, die wir in diesen Bereich setzen, nicht genauer hingesehen, wo es Unterschiede gibt. Was uns aber viel mehr stört, ist, dass die Politik eben auch nicht differenziert.

Was könnten denn die Politiker aus Ihrer Sicht besser machen?

Dohrmann: Das fängt mit der Wahrnehmung der Unterschiede und mit der öffentlichen Darstellung an. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Bündnis 90/Die Grünen haben im Mai einen Sieben-Punkte-Plan zur Verbesserung der Verhältnisse in der Fleischbranche vorgelegt. Da ist viel von Schwarzarbeit, Dumpingwettbewerb und katastrophalen Zuständen die Rede. Das Ganze gipfelt in der Forderung, dass unbedingt regionale Vermarktungsstrukturen aufgebaut werden müssen. Wir haben Herrn Habeck und Frau Baerbock einen Brief geschrieben und darauf aufmerksam gemacht, dass es solche regionalen Strukturen gibt, dass sie vielerorts hervorragend funktionieren, dass sie aber immer mehr in Bedrängnis kommen. Wir haben um ein Gespräch gebeten, um das genauer darzulegen. Der Brief ist jetzt fünf Wochen alt, eine Antwort haben wir noch nicht bekommen.

Diese Ignoranz, die Unterschiede in der Branche wahrzunehmen, findet sich leider in allen Parteien und führt dann zu entsprechenden politischen Entscheidungen, die wir nicht akzeptieren können.

Das klingt wie eine Forderung nach Schutzräumen für das Handwerk.

Dohrmann: Das ist es keineswegs. Wir hören immer wieder das Bekenntnis der Politiker zu Handwerk und Regionalität. Die Realität zeigt aber, dass wir durch viele Vorschriften benachteiligt werden. Wenn man zu fairen Rahmenbedingungen zurückfinden würde, wäre schon viel gewonnen.

Können Sie das konkretisieren?

Dohrmann: Gerne. Es ist die Vielzahl der Vorschriften und Belastungen, die unseren Betrieben zu schaffen macht. Schauen Sie sich das Schlachten an. Die Kostenbelastung ist im Handwerk viel höher als in Industriebetrieben. Ich meine nicht die Kosten im Betrieb, die liegen in der Verantwortung des Unternehmers. Aber warum müssen amtliche Fleischuntersuchungsgebühren oder Entsorgungskosten für kleine Betriebe um ein Vielfaches höher liegen als für die Industrie? Das ist kein Naturgesetz, sondern ist politisch gemacht. Dieser Kostennachteil zieht sich dann durch die gesamte Produktion. Das ist nicht hinnehmbar.

Oder nehmen Sie die Bürokratie. Warum muss ein Fleischermeister, der mit großer Sachkunde und viel Erfahrung seit Jahren schlachtet, nochmals eine Sachkundebescheinigung erwerben? Das wird von unseren Kollegen zu Recht als bürokratische Schikane empfunden.

Das sind nur zwei Beispiele aus einer ganzen Reihe von Benachteiligungen, die es übrigens nicht nur im Bereich Schlachten gibt. Wer den regionalen Strukturen mit solchen Gesetzen die Luft nimmt, darf sich nicht wundern, wenn am Ende nur die Großen übrigbleiben.

Glauben Sie, dass das so gewollt ist?

Dohrmann: Ich hoffe nicht. Ich gebe aber zu, dass man den Eindruck gewinnen könnte. Wir erleben immer wieder, dass Gesetze oder Verordnungen gemacht werden, ohne auf Unterschiede zu achten. Deshalb haben wir jetzt Sorge, wieder in Sippenhaft zu geraten.

Es soll eine Verpflichtung zu einer jederzeit abrufbaren elektronischen Arbeitszeitaufzeichnung kommen. Das mag für einen Industriebetrieb Sinn machen, wenn man sicherstellen will, dass die Regeln zur Arbeitszeit eingehalten werden. Aber für Handwerksbetriebe ist das nicht nur unnötig, sondern würde Kosten und Bürokratie verursachen, die wieder einen neuen Nachteil schaffen würden. Wir arbeiten derzeit hart daran, dass es nicht so weit kommt.

Was erwarten Sie von der Politik?

Dohrmann: Vor allem Redlichkeit. Die Versprechungen und Bekenntnisse zu Handwerk und Mittelstand müssen sich in Gesetzen und Verordnungen widerspiegeln. Und man muss endlich offen sagen, was man wirklich will. Ich will Ihnen ein Beispiel geben: Oberster Sozialpolitiker in Deutschland ist Arbeitsminister Hubertus Heil. Der hat nicht ganz zu Unrecht hohe Arbeitsstandards in der Fleischverarbeitung gefordert. Gleichzeitig sagt er aber, dass Fleisch billig bleiben muss, damit sich auch weniger Betuchte die Produkte leisten können. Das passt nicht zusammen. Man kann nicht höchste Anforderungen formulieren und gleichzeitig dem Immer-Mehr und dem Immer-Billiger das Wort reden. Darauf haben wir Minister Heil auch sehr deutlich hingewiesen.

Welche Schuld tragen die Verbraucher? Schließlich sind sie es, die sehr preisbewusst einkaufen.

Dohrmann: Ich will darauf hinweisen, dass es auch sehr viele Verbraucher gibt, die mehr auf Qualität als auf den Preis achten, sonst gäbe es das Fleischerhandwerk vielleicht schon nicht mehr.

Ich halte nichts davon, den Verbrauchern die Schuld zuzuschieben. Egal, zu welchem Preis: Der Kunde muss sich darauf verlassen können, dass in allen Bereichen wenigstens die gesetzlichen Mindeststandards eingehalten werden.

Das Problem sehe ich eher in der grundsätzlichen Entwicklung der Branche. Wenn es um immer größere Mengen geht, wenn Kostenführerschaft das allein bestimmende Merkmal wird, wenn die Konzentration in der Landwirtschaft, in der Schlachtung und in der Verarbeitung immer weiter voranschreitet, dann bleibt die Wertschätzung für das besondere Lebensmittel Fleisch irgendwann auf der Strecke. Dafür gibt es leider immer wieder neue Belege.

Die Verbraucher sind nicht schuld an dieser Entwicklung. Sie müssen aber wissen, dass es Unterschiede gibt und dass sie die Wahl haben. Jeder kann entscheiden, was er einkauft. Der Kunde soll fragen, gerne auch sehr kritisch, dann bekommt er bei uns Antworten von Chef und Chefin, die mit ihrem Namen dafür einstehen, dass ordentlich gearbeitet wird. Dann kann jeder für sich entscheiden, was ihm wichtiger ist – der billigste Preis oder der Mehrwert, der dann auch mehr kostet.

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