Das afz-Interview: „Dankbar für meine DNA“
Das afz-Interview

„Dankbar für meine DNA“

Basedahl
Für ihn ist Schinken eine Leidenschaft: Henning Basedahl mit seinem Lieblingsprodukt in der Reifekammer.
Für ihn ist Schinken eine Leidenschaft: Henning Basedahl mit seinem Lieblingsprodukt in der Reifekammer.

HOLLENSTEDT Ein Gespräch mit Henning Basedahl über Leben und Schaffen in der Corona-Krise.

Henning Basedahl ist einer der wohl leidenschaftlichsten Schinkenproduzenten dieses Landes. Seine Kunden sind bundesweit verteilt und kaufen bei ihm, weil er in seiner Manufaktur im niedersächsischen Hollenstedt nahe Hamburg ein sehr edles Produkt herstellt. Vom Coronavirus lässt er sich nicht entmutigen. Im Gegenteil, es hat ihn nachdenklicher und dankbarer werden lassen.

Herr Basedahl, wie geht es Ihnen?

Henning Basedahl: Noch ganz gut. Wir sind glücklicherweise autark, bedienen den noch bestehenden Feinkosthandel in Deutschland und damit Läden wie etwa Feinkost Böhm in Stuttgart oder Schlemmermeyer in Berlin. Daneben aber auch ausgewählte Edekaner wie das Zurheide Center im Crown in Düsseldorf. Das Gros unserer Kunden sitzt aber in und um Hamburg. Viele von ihnen halten uns seit den 80er-Jahren die Treue, was absolut toll ist. Da wir die Vermarktung nie aus der Hand gegeben haben, sind wir auch in Corona-Zeiten extrem nah dran und können gerade jetzt besonders auf ihre Bedürfnisse eingehen.

Spüren Sie denn überhaupt keine Auswirkungen?

Basedahl: Oh doch, normalerweise wäre ich momentan viel auf Messen unterwegs und hätte unser Produkt promotet. Das musste ich alles absagen. Betriebsintern haben wir ebenfalls einiges verändert, unseren Laden geschlossen und dafür einen Verkaufswagen angeschafft. Meine Mannschaft arbeitet seit Mitte März im Schichtbetrieb, um im Fall einer Infizierung noch mit halber Crew an Bord zu sein. In der jetzt begonnenen Spargelzeit bedeutet dies extrem lange und harte Tage. Normalerweise setzen wir mit unseren rund 20 Mitarbeitern jetzt vier bis fünf Mal soviel um wie in der restlichen Zeit des Jahres. Das wird in diesem Jahr eventuell etwas schwergängiger. Denn auch wenn es in den letzten sechs Wochen sehr gut gelaufen ist, haben wir für den weiteren Verlauf dieser „besonderen“ Zeit kein konkretes Gefühl. Abgerechnet wird nach „Johanni“, dann liegt die Hochsaison hinter uns. (Johanni bezeichnet den Johannistag am 24. Juni, an dem offiziell die Spargelzeit endet)

Was unternehmen Sie, um den Einbruch des Schinkengeschäfts in dieser Hochsaison abzufedern?

Basedahl: Seitdem abzusehen war, dass unsere Regierung drastische Maßnahmen ergreifen würde, telefoniere ich regelmäßig mit unseren größten Kunden, um gemeinsam zu entscheiden, wie wir auf das Kaufverhalten der Endverbraucher reagieren können. Auffällig war sofort, dass die Leute mehr bevorraten werden. Das hat sich auch im Verkauf aller SB-Artikel bemerkbar gemacht. Die anderen Kunden, die sonst immer in den Laden gekommen sind – der im Übrigen nur etwa 20 Prozent unseres Gesamtumsatzes ausmacht –, wissen mittlerweile, dass wir jetzt einen Marktwagen vor dem Ladengeschäft platziert haben. Überdies haben wir eine E-Mail-Adresse für Ladenvorbestellungen eingerichtet, die gern genutzt wird und es uns ermöglicht, die Bestellungen für die Abholung vorzubereiten.

Hilft es Ihnen jetzt in der Krise, dass Sie immer klein geblieben sind und schnell reagieren konnten, weil Ihre Strukturen so gut umzuorganisieren waren?

Basedahl: Ganz bestimmt. Genauso wie eine konstante Qualität nur bis zu einer gewissen Größe funktioniert, ist man auch flexibler, je kleiner man ist. Ich wollte nie so sehr wachsen, dass ich den Überblick verliere. Wenn man den Laden gut im Blick hat und jeden Ablauf kennt sowie das Geschäft familiär betreibt, ist es momentan sicher einfacher.

Dennoch wirken Sie nachdenklich. Was treibt Sie um?

Basedahl: Wir arbeiten seit 1975 klassisch nach traditioneller Herstellungsweise auf allerhöchstem Niveau. Unsere Zutaten sind das Fleisch von deutschen und dänischen Sauen, Salz und viel Geduld in der Reifezeit. Ich führe meinen Laden seit jeher sehr emotional und habe recht spät angefangen, Geld zu verdienen. Erst seit ein paar Jahren bin ich schuldenfrei. Mit 30 Jahren schwebte mir vor, mit 50 in Rente zu gehen. Mittlerweile bin ich 56 Jahre alt und immer noch an Bord. Seit geraumer Zeit arbeite ich zwei Nachfolger ein, die als Agrarwissenschaftler und Wirtschaftsingenieur ganz anders an die Aufgaben herangehen als ich in jungen Jahren. Das ist spannend, aber nicht immer einfach. Eines ihrer Projekte ist unser Onlineshop, der Ende April ans Netz ging. Das macht mich stolz und dennoch mache ich mir Gedanken darüber, ob ich mit meinem Produkt und der Manufaktur nicht doch wieder kleiner werden und regionaler denken sollte. Ich bin überzeugt davon, dass sich jeder in einer Krise fragen sollte, ob das, was er macht, noch den Zeitgeist trifft. Das tue ich.

Das klingt alles eher nach Aufbruch als nach Resignation. Woher nehmen Sie diesen Mut?

Basedahl: Mit Sicherheit hilft mir, dass ich von Haus aus Visionär bin, gern Neues anschiebe und selten Angst verspüre. Für diese DNA bin ich derzeit besonders dankbar. Und ich glaube fest daran, dass der ‚Stillstand der Welt‘ auch Gutes hervorbringt. Wir alle sind nachdenklicher durch die letzten Wochen gegangen. Nehmen nicht alles für selbstverständlich. Erkennen, worum es in unserer Welt wirklich geht und auch ‚früher‘ einmal ging. Impulse, die wir jetzt erhalten oder wieder entdecken sollten, offenbaren vielleicht ganz neue Möglichkeiten. Ich wünsche der Menschheit neben all den Sorgen und Nöten vor allem Zuversicht, um diese unsichere Zeit zu überstehen sowie ein Quäntchen Glück, Gesundheit und Kraft, die man benötigt, um etwas Gutes aus dieser Zeit entstehen lassen zu können.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 18/2020
stats