Deutscher Fleischer-Verband: Mit einer Stimme...
Deutscher Fleischer-Verband

Mit einer Stimme im Wahljahr

DFV
Rege Diskussion auch online: Martin Fuchs und Herbert Dohrmann.
Rege Diskussion auch online: Martin Fuchs und Herbert Dohrmann.

FRANKFURT Die Themen der Branche haben Konjunktur. Obermeistertagung erstmals digital.

Zweieinhalb Stunden, 177 Teilnehmer und ganz viel Information: Die 16. Obermeistertagung des Deutschen Fleischer-Verbands (DFV) am 23. Februar 2021 wurde als Video-Konferenz durchgeführt, und die Anwesenden arbeiteten konzentriert die Themen ab, die die Branche aktuell beschäftigen. Auch wenn sich alle Beteiligten wünschen, bald wieder persönlich aufeinanderzutreffen, gab es auch einige Stimmen, die die auf diese Weise eingesparte Reisezeit begrüßten. Das übergeordnete Thema der Tagung war die Positionierung des Fleischerhandwerks zur Bundestagswahl. „Was im Koalitionsvertrag festgehalten wird, wird auch auf Gedeih und Verderb durchgeboxt. Wir müssen daher wissen, was auf uns zukommt“, sagte Präsident Herbert Dohrmann. „Ob Corona, Hygiene oder Skandale in einzelnen Fleisch- und Schlachtbetrieben: unsere Themen haben Konjunktur.“

Und so werde er auch von Parteien und Verbänden regelmäßig eingeladen, zu Themen wie regionale Strukturen und Tierwohl Stellung zu beziehen. „Das sind deutliche Zeichen, dass man uns braucht, aber noch nicht so recht weiß, was man mit uns machen soll. Daher müssen wir unsere klaren Positionen mit einer Stimme nach außen vertreten“, forderte Dohrmann.

Regionale Strukturen

Die Themen, die ganz oben auf der Agenda der Politik stehen, sind die regionalen Strukturen und damit einhergehend die Nachhaltigkeit. „Die Definitionen von Nachhaltigkeit sind vielfältig, die Bewahrung der positiven Aspekte für die nächste Generation umfassen die Umwelt sowie wirtschaftliche und soziale Aspekte“, führte Dr. Reinhard von Stoutz, Geschäftsleiter Wirtschaftsförderung und Öffentlichkeitsarbeit, aus. Das Fleischerhandwerk könnte von der Politik fordern, regionale Versorgungsstrukturen zu erhalten: „Dazu zählt der Erhalt der kleinstrukturierten Landwirtschaft genauso wie die Sicherung kommunaler Schlachtstätten“.

Zudem gehöre zur Nachhaltigkeit auch die Einhaltung sinnvoller Tierschutzmaßnahmen, der Erhalt der Ausbildungsstrukturen und dass die Politik die Ungleichbehandlung kleiner und mittlerer Handwerksunternehmen beende.

Rund um das Thema regionale Schlachtstätten wurde im Teilnehmerkreis diskutiert, angesichts der Komplexität einen eigenen Arbeitskreis zu bilden. Die Gebührensätze in den Landkreisen seien beispielsweise äußerst unterschiedlich, außerdem sollte man auch die Entsorgungskosten nicht aus den Augen verlieren. Hinzu komme branchenfremde Konkurrenz wie etwa in Mecklenburg-Vorpommern, wo sich Bauern zusammengetan haben, um mit eigenem Schlachthaus Fleisch und Wurst selbst zu vermarkten.

Die Idee, dass sich nicht-schlachtende Betriebe mit schlachtenden zusammentun, um die regionalen Strukturen zu stärken, findet DFV-Vizepräsident Konrad Ammon jr. im Grunde sehr gut. Er gab aber zu bedenken, dass Schlachthöfe ab einer bestimmten Tonnage nicht mehr als Handwerksbetrieb, sondern als Großbetrieb gelten. „Da sollte man eine Regelung finden, wenn die jeweiligen Schlachtstätten an die Grenze kommen“, riet Ammon.

Tierschutz

Dr. Farina Mieloch nahm sich der zunehmenden gesellschaftlichen Bestrebungen nach höheren Tierwohl- und Tierschutzstandards an. „Das staatliche Tierwohlkennzeichen hat bisher nur Vorgaben für Schweine in den Bereichen Haltung, Transport und Schlachtung mit Ausnahmen in Abhängigkeit von der Schlachtzahl pro Stunde“, führte die Tierärztin aus. Das Siegel sehe regelmäßige kostenpflichtige Kontrollen der Nutzer durch externe Kontrollstellen vor und erhöhe die Anforderungen an die innerbetriebliche Rückverfolgbarkeit.

„Der DFV fordert, dass die Verwendung freiwillig bleiben muss, die Ausnahmen und Erleichterungen ausgeweitet werden und die Nutzung durch Handwerksbetriebe ermöglicht wird“, fasste Mieloch die Stellungnahme des Verbands zusammen.

Neben der von der Borchert-Kommission vorgeschlagenen „Tierwohlabgabe“ in Höhe von 40 Cent pro Kilogramm Schweinefleisch, die wieder mehr Bürokratie bedeuteten, diskutierten die Obermeister über die elektronische Dokumentationspflicht der Betäubungszangen, bei der die Verantwortung der Gesetzeskonformität auf Seite der Anwender liege. „Bei uns als Betreiber eines Schlachthofes wird alle zwei Jahre kontrolliert, ob die Betäubungszangen in Ordnung sind, so mancher landwirtschaftlicher Betrieb hat seit 40 Jahren keinen Kontrolleur gesehen, weil sich die amtlichen Tierärzte nicht trauen, zum Bauern zu gehen“, berichtete Konrad Ammon. 

Angesichts der von Tierschutzorganisationen veröffentlichten Videoaufnahmen, die im Bereich der Betäubung Verstöße gegen das Tierschutzgesetz zeigen, wurde das Thema Videoüberwachung als denkbares Mittel zur Verhinderung weiterer Einbrüche, unerwünschter Berichte und zur eigenen Absicherung diskutiert. „Wir setzen Kameras zur Qualitätssicherung ein und ich kann Kollegen nur dazu raten, das auch zu tun. Aber das soll jeder selbst bestimmen, da sollte sich der Gesetzgeber nicht einmischen“, sagte Ammon.

Im Hinblick auf das seit Anfang dieses Jahres geltende Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration erwartet der DFV, dass die Auswirkungen auf den Markt und die Verfügbarkeiten von qualitativ hochwertigem Fleisch kastrierter Tiere voraussichtlich im Spätsommer/ Herbst sichtbar werden.

Lesen Sie auch den Kommentar „Von Null auf Eins“.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 9/2021
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