Deutscher Fleischer-Verbandstag Besser sein als andere

Dienstag, 13. Oktober 2020
Präsident Herbert Dohrmann nutzte die Krise als Katalysator für eine politische Offensive.
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Präsident Herbert Dohrmann nutzte die Krise als Katalysator für eine politische Offensive.

Deutscher Fleischer-Verband (DFV) scheut keine Konflikte und fordert faire Bedingungen.
In Krisenzeiten rücken die Menschen in aller Regel enger zusammen. Das macht sie stärker, wiegt sie in Sicherheit, und gemeinsame Forderungen lassen sich gezielter adressieren. Bei ihrem Jahrestreffen mussten die Fleischer diesmal allerdings auf Abstand bleiben – physisch, nicht aber bei den Themen, die unter den Nägeln brennen, wie beispielsweise eine Reihe von Benachteiligungen gegenüber der Industrie.

„Der kollegiale Austausch ist enorm wichtig.“ So begrüßte Präsident Herbert Dohrmann vom Deutschen Fleischer-Verband (DFV) seine Mitstreiter anlässlich des 130. Deutschen Fleischer-Verbandstags im Esperanto Kongresszentrum Fulda zu einem deutlich abgespeckten Programm und ohne Gäste. Trotz steigender Infektionszahlen im Bundesgebiet trafen in der osthessischen Barockstadt rund 90 Delegierte ein, um sich über die politische Arbeit in Corona-Zeiten abzustimmen und die Regularien zu verabschieden. Das erlaubte ein umfassendes Hygienekonzept. Ein Novum war eine Diskussionsrunde mit Vertretern des Juniorenverbands des Fleischerhandwerks sowie der Nationalmannschaft des Fleischerhandwerks.

Metzger erfahren Zuspruch

Corona bestimmt in diesem Jahr die politische Arbeit des Deutschen Fleischer-Verbands erheblich. Von Beginn an „mussten wir aufpassen, dass unsere Läden nicht zugemacht werden“, erinnerte Dohrmann an die Situation im Frühjahr. Der Lockdown war eine reale Gefahr für das Fleischerhandwerk. Deshalb setzten der Präsident und sein Team in Präsidium und Bundesgeschäftsstelle alles daran, dass die Metzger zur kritischen Infrastruktur gehören und als systemrelevant eingestuft werden. Das Engagement habe sich gelohnt. „Die Fleischer erfahren in der Politik spürbar mehr Wahrnehmung“, so Dohrmann.
„Wir werden gehört, und das wollen wir nutzen.“
Herbert Dohrmann, DFV-Präsident
Man finde mehr Gehör bei politischen Entscheidungsträgern auf allen Ebenen – auch aufgrund der Vorkommnisse in der Fleischindustrie. Hohe Infektionszahlen an den großen Schlachtbetrieben waren ein Auslöser dafür, dass die Gesellschaft genauer auf die Branche geschaut habe, wie dort gearbeitet wird und welche Machenschaften es mit Blick auf die Arbeitsbedingungen und Wohnverhältnisse dort gibt. Das will Dohrmann nicht länger hinnehmen. Er verlangt statt bissiger Erklärungen aus der Fleischwirtschaft einen Aufbruch in eine neue Zeit. Die Gefahr der Sippenhaft mit den Großen bestehe weiter, fürchtet der Präsident und stellte klar: „Ich bin nicht mehr bereit, solche Dinge, die der Ethik und der Verantwortung eines jeden Fleischermeisters widersprechen, stillschweigend hinzunehmen.“
Das Fleischerhandwerk tagte pandemiekonform mit viel Abstand. Rund 90 Delegierte kamen nach Fulda zur Mitgliederversammlung.
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Das Fleischerhandwerk tagte pandemiekonform mit viel Abstand. Rund 90 Delegierte kamen nach Fulda zur Mitgliederversammlung.

Weg mit Benachteiligungen

Auch wenn das Fleischerhandwerk beim ersten Fleischgipfel der Ministerinnen Julia Klöckner, Ursula Heinen-Esser und Barbara Otte-Kinast im Juni in Düsseldorf noch „am Katzentisch“ zwischen Handel, Industrie, Landwirtschaft und Verbraucherschützern Platz genommen habe, sei der DFV nun ein relevanter Gesprächspartner. Auf der Suche nach einer fairen Abgrenzung zwischen Industrieunternehmen und Handwerksbetrieben im Zuge des geplanten Arbeitsschutzkontrollgesetzes bezog Dohrmann bei einer Anhörung im Bundestag Stellung und forderte eine Überarbeitung der 49-Mitarbeiter-Grenze. Die Gesetzesinitiative ist eine direkte Folge der Situation von Beschäftigten im Werkvertrag in der Industrie, die aufgrund der Personenanzahl auch die fleischerhandwerklichen Betriebe treffe, so Dohrmann. Es müsse Schluss damit sein, dass die Metzgereien in höherem Maß gegenüber der Industrie benachteiligt werden.
Dohrmann - Handwerk ist anders
(Bild: DFV)

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Arbeitsschutzkontrollgesetz Ringen um faire Abgrenzung

Sein Ziel ist die Gleichbehandlung – beispielsweise bei Gebühren wie Abfallentsorgung, EEG-Umlage, Kassennachrüstung und Fleischbeschau oder auch der Förderung noch vorhandener kleiner Schlachtstätten in der Region. Schließlich forderten nicht nur die Grünen dezentrale Strukturen ein, verdeutlichte Dohrmann. Eine Mitgliederbefragung des DFV hatte ergeben, dass ein Drittel der Umfrageteilnehmer selbst schlachtet.

Die für die Fleischer relevanten Themen fallen im Politikbetrieb in verschiedene Zuständigkeiten – mal ins Finanz-, mal ins Wirtschaftsministerium, verdeutlichte Dohrmann. Durch viele Gespräche mit Bundestagsabgeordneten, in Ministerien und auch im Bundeskanzleramt habe der DFV nun ein Bewusstsein für eine ressortübergreifende Betrachtung geschaffen. Mit Blick auf das Wahljahr 2021 sei es nach vielen Monaten gelungen, sich auch mit dem Grünen-Fraktionsvorsitzenden Dr. Anton Hofreiter auszutauschen. „Ich nehme ihm ab, dass er wirklich etwas für die handwerklichen und regionalen Strukturen tun will“, fasste Dohrmann das Gespräch zusammen.

Auch wenn sich Corona zum beherrschenden Thema in den vergangenen acht Monaten entwickelt habe, bleibe man bei der Neuordnung des Berufsbilds für Verkäuferinnen und Verkäufer am Ball, versicherte Dohrmann. Das gelte auch für die in München vor einem Jahr vereinbarten Beschlüsse zur mittelfristigen Finanzplanung. Der Präsident appellierte an seine Kollegen, immer wieder den Beweis anzutreten, dass das Handwerk anders ist.

Die Tierschutzverstöße am Gärtringer Schlachthof machten deutlich, dass die Fleischer sich „nicht in selbstgefälliger Zufriedenheit zurücklehnen können“. Dohrmann ist davon überzeugt, dass die Nutztierhaltung und der Fleischkonsum nur eine Zukunft haben, wenn diese auf eine gesellschaftliche Akzeptanz treffen. Das Vertrauen der Kunden in die Fleischereien solle nicht nur bewahrt, sondern gefestigt werden. „Wir müssen vielen jungen Menschen ein gutes Gefühl geben, dass es bei uns besser und anders als in der Industrie ist.“

Den Nachwuchs stärker einbeziehen

Der DFV hatte zur Mitgliederversammlung vier Vertreter aus der Nachfolgegeneration geladen. Präsident Herbert Dohrmann begrüßte mit Johannes Bechtel und Christoph Geier die am Tag zuvor in ihren Ämtern bestätigten Vorstände des Juniorenverbands des Fleischerhandwerks sowie Steffen Michelsen und Tim Stumpf von der Nationalmannschaft des Fleischerhandwerks.

Dohrmann wünscht sich, dass die Nachwuchskräfte die Arbeit des DFV aktiv begleiten und fragte: „Wie sieht die Jugend das Fleischerhandwerk?“ „Wir sind die Guten“, stellte Johannes Bechtel ohne Zögern fest. Er forderte, dass die Metzger ihre Stärken viel lautstärker ausspielen müssen und sich parallel von der Industrie abgrenzen sollten. Vorstandskollege Christoph Geier riet, die Öffentlichkeitsarbeit mehr an der Antwort auf die Frage „Was ist beim Metzger anders“ auszurichten. Dafür müsse der Verband sehr viel stärker auf Social Media setzen, so die Fleischerjunioren.
„Das Fleischerhandwerk hat einen extrem hohen Suchtfaktor.“
Tim Stumpf, Nationalmanschaft des Fleischerhandwerks
Für Steffen Michelsen sind die Positionen der Fleischer zu den Themen Klimaschutz und Tierwohl außerhalb der eigenen Reihen zu wenig bekannt. Auch Tim Stumpf findet, dass die Metzger hier mehr zu bieten haben, als das Öffentlichkeitsbild des Berufs hergibt. Er habe sich nach einem Praktikum für eine Lehre entschieden, weil das Fleischerhandwerk einen extrem hohen Suchtfaktor habe und ihn ein gutes Arbeitsklima gefangen habe.
Tim Stumpf aus der Nationalmannschaft bekennt: „Das Fleischerhandwerk hat einen extrem hohen Suchtfaktor“.
Foto: si
Tim Stumpf aus der Nationalmannschaft bekennt: „Das Fleischerhandwerk hat einen extrem hohen Suchtfaktor“.
„Wie bekommen wir die Kraft für das Fleischerhandwerk gebunden“, fragte Christoph Geier und ermunterte dazu, auch über Strukturen nachzudenken. Er plädierte dafür, keinen Betrieb mehr ohne nachzuhaken ziehen zu lassen. Abschließend forderte der DFV-Präsident den Nachwuchs auf: „Meldet Euch zu Wort!“

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