Fleischerhandwerk Anders als die Großen

Dienstag, 07. Juli 2020
Die Herkunft macht den Unterschied: Das Fleischerhandwerk will nicht in einen Topf mit der Industrie geworfen werden.
Foto: ViSoPi
Die Herkunft macht den Unterschied: Das Fleischerhandwerk will nicht in einen Topf mit der Industrie geworfen werden.

Corona in der Industrie hat auch Auswirkungen auf das Fleischerhandwerk. Die afz - allgemeine fleischer zeitung hat nachgefragt, welche.
von Bernd Feuerstein, Filip Lachmann und Sybille Roemer

Die Corona-Infektionen bei Tönnies, Westfleisch und Vion verunsichern die Verbraucher. Ein Grund für den Vorstand der Innung Höxter-Warburg, die regionalen Medien zu einer Pressekonferenz einzuladen, die das Thema dankbar aufnahmen. Das berichtet Obermeister Alfred Brilon im Gespräch mit der afz. Die Resonanz war dementsprechend. Bei Brilon wie auch in der die Aktion unterstützenden Kreishandwerkerschaft gingen zahlreiche Anfragen von Konsumenten ein.

Alfred Brilon, Borgentreich

„Immer wieder ein neuer Skandal, immer wieder die großen Konzerne und Discounter, die uns in Misskredit bringen“, ärgert sich der Fleischermeister. Die Zentralisierungsentwicklungen der letzten Jahre und die vielen Skandale rund um den globalisierten Fleischmarkt hätte nicht nur viele kleine und mittlere Innungskollegen bereits die Existenz gekostet, auch das Image sei ruiniert. Von den großen Schlachthöfen sei man im Kreis Höxter nicht nur räumlich weit entfernt, sondern habe auch in der Wahrnehmung der eigenen Verantwortung eine andere Einstellung: „Wir kennen die Landwirte persönlich, die uns beliefern beziehungsweise wo wir auch selbst Tiere abholen. Die Fleischer im Kreis Höxter schlachten zum großen Teil selbst oder lassen ihre Tiere in Lohn schlachten. Auch unsere Mitarbeiter werden fundiert ausgebildet und nach gesetzlichen Vorgaben bezahlt und rundum abgesichert“, meint der Obermeister.

Thomas Kluke, Mettmann

Fleischermeister Thomas Kluke aus Mettmann sieht es ähnlich. Dass im Kreis Gütersloh nun ein Corona-Hotspot durch einen großen Schlachtbetrieb entstanden ist, sieht Kluke als natürliche Folge der Arbeitsbedingungen dort. „Sie sind auch eine Reaktion auf den zunehmenden Marktdruck: Der Wunsch nach preiswertem Fleisch zwingt die Unternehmen dazu, immer weiter zu wachsen und billiger zu produzieren“, so der Fleischermeister. Die Arbeitsbedingungen in den Zerlegebetrieben hingegen seien auch auf den Wunsch der ausländischen Mitarbeiter zurückzuführen, möglichst jeden verdienten Euro in die Heimat zu schicken, gibt Kluke zu bedenken: „Die wollen hier kein Geld ausgeben. Das, was diesen Markt fördert, das hat der Herr Tönnies nicht erfunden.“

Robert Schellenberg, Altenburg

„Wer zu uns kommt, weiß für gewöhnlich, dass wir qualitativ hochwertigere Erzeugnisse anbieten“, sagt Robert Schellenberg aus Altenburg. Die Tierhaltung in Deutschland müsste sich grundlegend ändern. „So günstig wie hierzulande werden in kaum einem anderen Land Schweine gehalten. Die Problematik ist jedoch sehr komplex. Das beginnt beim Schwänzekupieren, um die Tierzahlen in Mastställen zu maximieren, geht über den Futtermittelimport aus Brasilien, der die Abholzung der Regenwälder beschleunigt, bis hin zu den Unmengen an Gülle, die auf den Feldern ausgebracht werden und somit die Böden und das Trinkwasser schädigen.“

Das extrem niedrige Preisniveau mache es nicht nur den Tierhaltern fast unmöglich, wirtschaftlich zu arbeiten, es schädige zugleich die Tier- und Fleischmärkte in anderen EU-Ländern, die da nicht mithalten können. Es sei immer wieder erstaunlich, wenn Discounter ihr Fleisch zu Preisen anbieten, die unter den Einkaufspreisen liegen. „Vielleicht sollte generell überdacht werden, ob der aggressive Preiskampf bei tierischen Lebensmitteln noch zulässig ist. Meine Wunschlösung wäre es, die Schlachtung wieder stärker zu dezentralisieren. Seit dem der Schlachthof in Altenburg für Schweine geschlossen wurde, beziehen wir unser Fleisch aus Hof. Parallel mit den Schlachtbetrieben sterben auch zunehmend die kleinen Fleischereien aus. Dieser handwerkliche und kulturelle Verlust kann wahrscheinlich nie wieder ausgeglichen werden.“

Anna Satvary, Frankfurt am Main

Anna Satvary von „Else Kalbskopp“ in der Frankfurter Kleinmarkthalle nutzt die Herkunft des Fleisches , von jeher als Aushängeschild und freut sich über das Interesse ihrer Kunden. „Ich wünschte, es gäbe die Großen erst gar nicht. Meiner Meinung nach kann jeder in unserer Gesellschaft auch bewusst und nachhaltig konsumieren, egal wie viel oder wenig Geld er zur Verfügung hat. Wir haben allerdings viel zu viel kaputt gemacht. Es gibt kaum noch Kollegen, die Schlachten oder Produzieren. Die Auflagen sind zu hoch, die Kosten nicht tragbar und der Kunde nicht bereit diese zu zahlen.

Ich bin davon überzeugt, dass wir die Fleischindustrie nicht brauchen. Mich persönlich ärgert nur, dass man immer mit in einen Topf geschmissen wird. Wir alle sind die Fleischindustrie in den Augen der meisten Verbraucher.“ Und eben das stimme nicht: „Sicher gibt es eine Schnittmenge und auch Kollegen partizipieren von den Großen. Aber es gibt eben auch solche wie mich, die zu viel höheren Preisen einkaufen und deren Wertschöpfungskette eine viel geringere ist. Aber nur so kann ich meinen Job machen und weiß, dass ich was Gutes tue. Dann soll es aber für alle fair ablaufen.“

André Möllmer, Leipzig

„Es erkundigen sich in der Tat vermehrt Kunden bei uns, ob wir unser Fleisch von Tönnies beziehen. Dies ist aber nicht der Fall, es stammt aus einem Schlachtbetrieb in Halberstadt“, berichtet André Möllmer aus Leipzig. „Meiner Ansicht nach liegt die Ursache der Problematik in den ungesunden Preisstrukturen der Branche. Mit Blick auf die Vielzahl an Akteuren innerhalb der Produktionskette ist es fast zwangsläufig die Folge, dass bei diesen niedrigen Verkaufspreisen einzelne Akteure zu Schaden kommen und Qualitätsstandards auf der Strecke bleiben. Das Tier fällt nun einmal nicht von selbst sauber zerlegt und portioniert in die Verpackung.“ Unter dem stetig zunehmendem Preisdruck in der Branche litten selbstverständlich nicht nur die Großen, sondern alle Betriebe. „Von daher sollte es innerhalb der Branche das Ziel sein, Fleischerzeugnissen insgesamt eine höhere Wertschätzung beizumessen und diese auch den Kunden entsprechend zu vermitteln.“ 
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(Bild: DFV)

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