IFFA 2016: „Wir brauchen Fortschritt“
IFFA 2016

„Wir brauchen Fortschritt“

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Heinz-Werner Süss ist Landesinnungsmeister in der Pfalz und seit 2011 Präsident des Deutschen Fleischer-Verbands.
Heinz-Werner Süss ist Landesinnungsmeister in der Pfalz und seit 2011 Präsident des Deutschen Fleischer-Verbands.

WEISENHEIM Es ist die Woche nach Ostern an einem Donnerstag. Ich fahre in die Pfalz, nach Weisenheim am Sand. Mein Ziel ist der fleischerhandwerkliche Betrieb von Heinz-Werner Süss. Vom Präsidenten des Deutschen Fleischer-Verbands möchte ich wissen, warum sich kein Metzger die in etwas mehr als zwei Wochen stattfindende IFFA entgehen lassen darf.

Der DFV-Präsident, der in seiner Heimat Landesinnungsmeister des Fleischer-Verband Pfalz und ehrenamtlicher Bürgermeister seiner Gemeinde Weisenheim am Sand ist, und ich haben eins gemeinsam: Wir sind mit Stolz Metzger.


Wo treffe ich auf den Meister? Natürlich im Laden, weil er es liebt, mit seinen Kunden ins Gespräch zu kommen. Und es bereitet ihm große Freude, einen luftgetrockneten Schinken in eine alte italienische Aufschnittmaschine einzuspannen und hauchdünne Scheiben abzuschneiden. Solcherlei Kostproben nehmen die Kunden gern als Empfehlung vom Fachmann an, denn sie vertrauen ihm, seiner Familie und dem ganzen Team aus Produktion und Verkauf.

Süss führt den Betrieb mit seiner Ehefrau Else; beide nahmen die Töchter Alexandra und Irina früh mit in die Verantwortung – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Nun ist der Chef stolz, dass seine Kinder Gesellschafterinnen sind und er das Unternehmen modern ausgestattet und bestens aufgestellt an die nächste Generation übergeben konnte.

Hier schließt sich für den ersten Metzger der Republik der Kreis. Die alle drei Jahre stattfindende IFFA ist für ihn ein Muss. Nicht etwa, weil der Deutsche Fleischer-Verband Mitveranstalter der internationalen Weltleitmesse ist und er deshalb als Präsident immer mit in der vordersten Reihe steht, sondern weil „die Branchenplattform ein Highlight für jeden Fleischer ist.“ Das sagt Süss geradezu herausfordernd. Es sei unverzichtbar, sich Ideen zu holen und als Handwerker auch etwas von den Ausstattungen für die Fleisch verarbeitende Industrie abzugucken. Denn eines steht für ihn fest: „Wir brauchen auch in unseren fleischerhandwerklichen Betrieben top-moderne Technik.“ Ich hake nach: „Wann war Ihr erster IFFA-Besuch, und was hat sich seitdem verändert?“ Jetzt ist der Präsident ganz Metzgermeister: Er verrät, dass er das erste Mal zur Lehrzeit mit seinem Vater Erwin nach Frankfurt reiste. Schon damals nahm der Familienbetrieb die Mitarbeiter mit auf die Messe. Dabei habe er zum einen sehr früh gelernt, dass Angestellte darüber informiert sein müssen, was sich am Markt entwickelt. Andererseits müssen Investitionen sein, um den eigenen Betrieb zukunftsgerecht aufzustellen.
Heinz-Werner Süss vor seinem Hauptgeschäft in Weisenheim.
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Heinz-Werner Süss vor seinem Hauptgeschäft in Weisenheim.
Im Unterschied zu früher gehe es heute aber nicht mehr allein um Maschinen und Ausstattungen, sondern vor allem um Automation und Digitalisierung, findet Süss. Einige Leser werden jetzt denken, das interessiert das Handwerk weniger. Doch im Gegenteil: Der Unternehmer aus der Pfalz rät seinen Kollegen, die Antennen auszufahren, und an die Themen Verpackung, Etikettierung, IT, Software, Datenübertragung, Warenwirtschaft sowie Betriebswirtschaft und Controlling zu denken und warnt davor, den Anschluss zu verpassen. In Frankfurt zeigen die Aussteller alle drei Jahre ihre neuesten Produkte und Dienstleistungen. Das schafft keine andere Veranstaltung, denn der Innovationsrhythmus der Zulieferer orientiert sich am dreijährigen IFFA-Zyklus. „Hier müssen die Fleischer fit sein, um im Wettbewerb mit dem Handel schnell zu analysieren: Wo verdiene ich Geld, wo lege ich drauf?“

Heute wie damals nutzt Süss die Messe des Jahres für Investitionen. Wenn Geld da ist, muss der Betrieb profitieren, ist er überzeugt. Diese Botschaft ist ihm wichtig, weil nur so ein Unternehmen an die nächste Generation erfolgreich übergeben werden kann. Betriebe, die nicht zeitgemäß ausgestattet sind, tun sich schwer, einen Nachfolger zu finden, weiß der Pfälzer.

Der sechstägige Messemarathon ist Heinz-Werner Süss eine Herzensangelegenheit, auch wenn er als Präsident nicht so viele Innovationen direkt an den Ständen der Aussteller begutachten kann. Dafür trifft er am Marktplatz des Fleischerhandwerks zahlreiche Freunde und Mitstreiter aus nah und fern. Er ist stolz darauf, wenn die Mainmetropole Frankfurt wieder Welthauptstadt seines Berufsstandes wird. „Der Kontakt zu den Kollegen aus aller Welt ist unbezahlbar“, weiß Süss. Und sie werden kommen, „nicht nur um Urkunden und Pokale unserer DFV-Qualitätswettbewerbe abzuholen. Metzger rund um den Globus schätzen die deutsche Wurstmacherkunst und erwarten bei uns Anregungen und Ideen, wohin die Reise geht.“
Selfie mit Präsident: Jörg Schiffeler zu Besuch bei Meister Heinz-Werner Süss in Weisenheim am Sand.
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Selfie mit Präsident: Jörg Schiffeler zu Besuch bei Meister Heinz-Werner Süss in Weisenheim am Sand.
Ich frage den Metzger aus Weisenheim, wie er all das schafft – Unternehmer, Landesinnungsmeister, Präsident und Bürgermeister. Süss muss nicht überlegen. Sofort verrät er, dass er gut abschalten kann. Er ist Christ. Der Glaube helfe ihm bei der vielen Arbeit und spende ihm Kraft. Wenn mal etwas nicht gut laufe, sei es wichtig, sich zu entschuldigen. „Man muss sich in die Augen schauen können, auch wenn es Meinungsunterschiede gibt.“

Dann interessiert mich noch, wie er entspannt. Beruflich: Vorzugsweise schneidet er immer noch selbst Rind- und Schweinefleisch zu. Privat: Mit seiner Ehefrau verreist er ans Meer oder in die Berge. Am liebsten ist ihm der Tegernsee und immer ein gutes Essen zum Genießen. Letzteres setzen wir in die Tat um und lassen den Besuch bei einem Saumagen und Pfälzer Wein ausklingen.

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