In jedem Azubi steckt Talent

Freitag, 04. Juli 2014
Foto: spe

„Jogi, ich hab’ ein Problem“, sagt die Stimme am Telefon. „Wir haben einen jungen Mann im Verein, der gerade die zweite Lehre abgebrochen hat.“ Jogi, alias Joachim Lederer, denkt kurz nach. Dann ruft er ins Telefon: „Da finden wir schon eine Lösung. Er soll sich mal in meinem Betrieb vorstellen.“

Zwei Wochen später macht derselbe Abbrecher ein Praktikum bei Lederer in Weil am Rhein. Und bleibt. Drei Jahre später schafft er die Prüfung, wird Fleischer. „Das war harte Arbeit“, sagt der Obermeister der Innung Lörrach heute. Doch bei ihm verdiene jeder eine Chance, auch wenn er nicht perfekt sei.

Eigentlich muss sich der Familienbetrieb aus Südbaden keine Sorge um Nachwuchs machen.
20 Mitarbeiter, davon drei Azubis. An Bewerbern für Ausbildung mangelt es dem Chef nicht.

Dennoch kümmert er sich leidenschaftlich um scheinbar hoffnungslose Fälle: Migranten, Behinderte, Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen. Benachteiligte mit speziellem Förderbedarf, wie es im Fachjargon heißt.

Weil es Vorurteile gibt, finden diese Jugendlichen kaum eine Ausbildungsstelle. Das belegt eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung. Demnach erhalten von jährlich 50.000 Schulabgängern mit speziellem Förderbedarf nur rund 3.500 einen Ausbildungsplatz.

Es lohnt sich immer

Lederer schüttelt nur den Kopf, wenn er davon hört. Der Fleischer ist überzeugt: Es lohnt sich, nicht perfekte Jugendliche auszubilden. „Ich bekomme viel zurück“, sagt er. Zum Beispiel der junge Pakistani mit Handicap. Seit vier Jahren arbeitet er in dem Betrieb. Wenn er in der Fleischerküche Wurst schnippelt, dauert es länger. Sein rechter Arm ist gelähmt.

 Der Betrieb unterstützt ihn, gibt Nachhilfe, damit er nebenher den Hauptschulabschluss nachholen kann. Danach soll die Ausbildung starten. Kosten? Lederer winkt ab: „Übernehmen wir, kein Problem.“ Azubis aus sozial schwachen Familien hat der umtriebige Chef auch schon Wohnungen vermittelt. Und es kommt vor, dass er einem schwachen Azubi den Führerschein zahlt. Vorausgesetzt, er strengt sich an.

Einem arbeitslosen Gipser, der jetzt Fleischer lernt, hat er versprochen: „Wenn Du die Gesellenprüfung schaffst, zahle ich Dir den Führerschein.“ Für viele ist es ein Ansporn, wenn sie sehen, dass der Chef hinter ihnen steht.

So viel individuelle Betreuung kostet Zeit. „Das rechnet sich betriebswirtschaftlich nicht“, räumt der Unternehmer ein. Und doch lohnt es sich. Denn intensive Betreuung führt dazu, dass sich diese Azubis später als Mitarbeiter viele Jahre an den Betrieb binden.

Das Geschäft läuft auch deshalb rund, weil jeder mit anpackt. Für Nachhilfe und Übungsstunden werden Azubis teilweise freigestellt. Vor Prüfungen wird gemeinsam gebüffelt. Steht die Gesellenprüfung an, wird ein Menü so oft gekocht, bis es sitzt. „Manchmal kochen wir das Rezept zehn Mal hintereinander“, erzählt Lederer. Wir, das sind Mitarbeiter des Betriebs. Ohne deren Tatkraft wäre das Ganze nicht möglich, betont der Firmenchef.

Zu Beginn der Ausbildung werden Ziele gemeinsam festgelegt. Wie bei einem Marathonlauf, sagt Lederer, selbst erfolgreich in dieser Disziplin. Dann folgen regelmäßige Gespräche. Drei Mal pro Woche (!) hakt der Chef nach. „Wie gefällt es Dir?“, „Was lief gut, was muss aus Sicht des Betriebs besser werden?“ Wenn einer mal einen Durchhänger hat, macht Lederer eine Spritztour mit ihm. Danach weiß er, wo der Schuh drückt: „Das hat schon bei meinem Sohn funktioniert.“

Vom Schützling zur Stütze

Und dann Lisa. Die 19-jährige Fleischerei-Fachverkäuferin machte vor drei Jahren ihre Ausbildung in Weil am Rhein. Andere Betriebe hatten sie abblitzen lassen wegen schlechter Noten. Als Lisa dann in der „Familie“ Lederer intensiv gefördert wurde, verbesserten sich ihre schulischen Leistungen.

Heute ist die junge Frau eine wichtige Stütze im Betrieb: Vor der Gesellenprüfung übt sie mit lernschwachen Azubis. Kocht mit ihnen morgens um sieben Hauptgang und Dessert. Zeigt geduldig, wie Wurstsalat geht. „ Ist schon okay“, sagt Lisa. „Wir kennen uns ja von der Schule her.“

Die Handwerkskammer Freiburg hat den Marathon-Metzger jetzt mit dem „Integrationspreis“ ausgezeichnet. Der Preis belohnt Betriebe, die sich um benachteiligte Jugendliche kümmern. „Es gibt keine Traumlehrlinge auf dem Markt“, stellte er bei der Preisverleihung fest. Deshalb müsse sich jeder Betrieb stärker für Azubis engagieren – allein schon wegen des Fachkräftemangels.

Zum Foto: In ihrer Ausbildung wurde Fachverkäuferin Lisa Ehrsam von ihrem Chef Joachim Lederer gefördert und gefordert.

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