Interview Fleischer gewinnen an Reputation

Mittwoch, 07. Oktober 2020
Herbert Dohrmann führt gegenwärtig viele Dutzend Gespräche mit Politikern und Kollegen. Der Bremer Fleischermeister ist seit Oktober 2016 Präsident des Deutschen Fleischer-Verbands.
Foto: DFV
Herbert Dohrmann führt gegenwärtig viele Dutzend Gespräche mit Politikern und Kollegen. Der Bremer Fleischermeister ist seit Oktober 2016 Präsident des Deutschen Fleischer-Verbands.

Zwischen Corona-Krise, Unterschieden zwischen Handwerk und Industrie und dem Wahljahr 2021. Ein Gespräch mit DFV-Präsident Herbert Dohrmann über die Interessenvertretung in Pandemie-Zeiten.
von Sandra Sieler und Jörg Schiffeler

Herr Dohrmann, die Maßnahmen zur Corona-Eindämmung gehören zum neuen Alltag. Wie hat das Fleischerhandwerk die letzten sechs, sieben Monate erlebt?

Herbert Dohrmann: Es war ein Auf und Ab, wie in vielen anderen Bereichen. Diejenigen, die zuvor im Partyservice und Catering stark engagiert waren, haben schwere Einbußen hinnehmen müssen. Dafür sind die Ladentheken fast überall sehr gut gelaufen.

Wir haben stark davon profitiert, dass es uns gelungen ist, dass das Fleischerhandwerk der kritischen Infrastruktur zugerechnet wird. Dadurch haben wir unsere Geschäfte weiter öffnen können, was die Kunden dankbar angenommen haben. Wir sind froh, dass auch die Beschränkungen wie Maskenpflicht oder Zugangsbeschränkungen auf viel Verständnis gestoßen sind. Gerade auch im Vergleich zu anderen Branchen haben die meisten von uns allen Grund, sehr zufrieden zu sein.

Wo klemmt es, wo erwarten die Meisterbetriebe Unterstützung?

Dohrmann: Wir haben natürlich nach wie vor Sorge, dass wir selbst in unseren Unternehmen von Corona betroffen sein könnten. Neben den gesundheitlichen könnte das dann auch wirtschaftliche Folgen haben. Als Verband haben wir mit Leitfäden und Handlungsanweisungen einen Beitrag dazu geleistet, dass die Betriebe diesen Fall so weit wie möglich vermeiden können. Bisher sind wir damit ganz erfolgreich gefahren.

Diejenigen Unternehmen, die starke Umsatzeinbußen haben, nutzen natürlich auch die Unterstützungsangebote, die durch Bund und Länder bereitgestellt werden. Das hilft aber nur begrenzt. Viel wichtiger wäre Planungssicherheit, in welchem Umfang zu welchem Zeitpunkt der Außer-Haus-Bereich laufen kann. Manches wurde schon gelockert, was den Betrieben sehr geholfen hat. Inzwischen ist aber nicht ausgeschlossen, dass es neue Einschränkungen geben könnte. Bei den aktuellen Entwicklungen der Infektionszahlen fürchten wir, dass die so dringend benötigte Sicherheit noch eine Weile auf sich warten lässt.

Coronabedingt führt der DFV einen abgespeckten Verbandstag durch. Was erwartet die Teilnehmer?

Dohrmann: Wir werden noch einmal betrachten, wie die Krise bisher für unser Handwerk gelaufen ist. Dabei wird natürlich auch eine Manöverkritik möglich sein, wie das Krisenmanagement durch den Verband gesehen wird. Wir glauben, dass wir uns sehr ordentlich geschlagen haben, aber uns interessiert in dieser Frage vor allem auch die Meinung unserer Delegierten.

Wir wollen aber den Blick nicht nur nach hinten richten. Wichtig ist, was wir an positiven Effekten für die Zukunft gewinnen können. Bei allem Schlechten, das die Krise mit sich gebracht hat, hatte es auch einiges Positive. Das Fleischerhandwerk hat auf breiter Front sehr deutlich an Reputation gewonnen: in der öffentlichen Diskussion, bei den politischen Entscheidungsträgern und natürlich auch bei den Kunden, die häufiger und mehr bei uns einkaufen.

Dieses Ansehen wollen wir für die Zukunft sichern und weiter ausbauen. Die Krise hat gezeigt, wie wichtig ein funktionierender Verband ist. Vor allem für die jüngere Generation ist wichtig, dass wir das bewahren. Wir werden deshalb im Verlauf unserer Mitgliederversammlung in einer Diskussionsrunde mit jungen Leuten darüber sprechen, welche Erwartungen sie an uns haben. Im Gegenzug wollen wir gern wissen, welchen Beitrag die Nachfolger-Generation zur Stärkung unserer Organisation leisten kann.

Corona rückte auch die Arbeits- und Wohnbedingungen in den Unternehmen der Fleischindustrie in den Fokus. Wie sehr haben die prekären Verhältnisse dem Image des Fleischerhandwerks geschadet?

Dohrmann: Erfreulicherweise gar nicht, im Gegenteil. Es ist sehr gut gelungen, deutlich zu machen, dass es große Unterschiede in der Arbeitsweise von Handwerks- und Industriebetrieben gibt. Einzelne Unternehmen, die Innungen, die Landesverbände und natürlich auch der Deutsche Fleischer-Verband (DFV) haben das durch eine aktive Öffentlichkeitsarbeit nach außen getragen. Die starke Verankerung in der Region – sowohl beim Einkauf als auch in der Arbeitswelt – die familiären Strukturen, auch bei größeren Handwerksunternehmen, das wurde durch die Debatten auf breiter Front wahrgenommen. 

Das gehört zu den Punkten, die wir festigen wollen. Wir haben in der Vergangenheit häufig von Skandalen profitiert, wenn die Kunden dann die Vorteile des Fachgeschäfts besonders zu schätzen wissen. Wir wollen verhindern, dass das Pendel wieder zurückschlägt, wie wir es schon häufig erlebt haben. Mein Eindruck ist: Der Lernprozess bei den Verbrauchern ist nachhaltiger als sonst.

Dadurch initiierte Gesetzesvorhaben belasten auch das Fleischerhandwerk. Beispielsweise durch das geplante Arbeitsschutzkontrollgesetz. Fruchten Ihre Gespräche mit Ministern und Politikern, nicht mit den „Großen“ in einen Topf geworfen zu werden?

Dohrmann: Der undifferenzierte Blick auf die Fleischwirtschaft ist ein großes Ärgernis, das wir immer wieder beklagen. Und es ist richtig, dass wir gerade bei dem aktuell laufenden Gesetzesvorhaben viel Zeit und Energie investieren, um unsere Positionen zu vermitteln. Dabei gibt es bis dato zumindest erfreuliche Teilerfolge.

„Das Handwerk muss von bestimmten Regelungen ausgenommen werden. “
Herbert Dohrmann, Präsident des Deutschen Fleischer-Verbands
Man hat eingesehen, dass das Handwerk von bestimmten Regelungen ausgenommen werden muss, weil es mit den Vorkommnissen, die unterbunden werden sollen, nichts zu tun hat. Das ist gut so. Wo wir noch unzufrieden sind, ist, wie die Abgrenzung von Handwerk und Industrie vorgenommen wird. Da geht es vor allem um die Zahl der Beschäftigten. Das halten wir für einen falschen Ansatz, müssen aber erkennen, dass eine solche Grenze politisch gewollt ist. Immerhin ist es schon gelungen, dass diese Grenze nach oben verschoben wurde, aber das ist uns noch nicht sachgerecht genug.

Wir werden sehen, wie weit wir kommen. Aber man kann festhalten, dass wir gehört werden – von Ministern und Staatssekretären, bei Abgeordneten vieler Parteien und bei den Ministerialbeamten, die Vorlagen erarbeiten. Wir haben viele Dutzend Gespräche geführt. Und wir wurden bei der Expertenbefragung des Bundestagsausschusses für Arbeit und Soziales als einer von wenigen Verbänden gehört. Das alles kommt nicht von ungefähr, sondern ist das Ergebnis von sachorientierter und seriöser Verbandsarbeit. Jetzt hoffen wir, dass es auch Früchte trägt.
Dohrmann - Handwerk ist anders
(Bild: DFV)

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In der Politik ist seit Corona vielfach von einer Offensive für dezentrale Schlachthofstrukturen die Rede. Was halten Sie von derartigen Positionen? Was hilft den Fleischern tatsächlich?

Dohrmann: Man kann sich nur wundern. Die Grünen haben ja sehr schnell nach den Vorkommnissen in der Schlachtindustrie einen Sieben-Punkte-Plan vorgestellt, in dem genau das gefordert wird. Wir sind dort vorstellig geworden, um klarzumachen, dass es diese Strukturen seit langem gibt. Dabei haben wir auch verdeutlicht, dass wir keine vollmundigen Forderungen brauchen, sondern eine Politik, die diese Strukturen nicht schwächt, sondern stärkt. Da gäbe es manches zu tun. In einem langen Gespräch, das wir mit dem Vorsitzenden der Bundestagsfraktion der Grünen, Anton Hofreiter, zu diesem Thema geführt haben, konnten wir das – so glaube ich – gut erklären.

Aber natürlich haben auch andere Parteien solche Forderungen aufgestellt. Wir haben allen ein Forderungspapier zugeschickt, in dem wir Punkte der Benachteiligung für das Handwerk und die regionalen Strukturen aufgezeigt haben. Und wir haben Vorschläge präsentiert, wie man das abstellen kann. Wir haben uns fest vorgenommen, die Politiker hier beim Wort zu nehmen und sie nicht wieder mit Sonntagsreden davonkommen zu lassen. Wir hoffen, dass jetzt die meisten verstanden haben, dass Konzentration und Industrialisierung nicht noch weiter voranschreiten sollten.

Tierschutz ist unabdingbar. Zuletzt blieben auch „Metzgerschlachthöfe“ nicht von Vorwürfen verschont. Wie gehen Sie gegen Tierschutzverstöße vor – auch innerhalb der eigenen Reihen?

Dohrmann: Das Wichtigste ist, dass wir das Thema sehr ernst nehmen. Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder einzelne Unternehmer der Branche genau hinsehen muss. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Betrieb selbst schlachtet oder nicht. Wir müssen wissen, wie die Tiere, deren Fleisch wir verkaufen, gehalten, transportiert und geschlachtet werden. In den allermeisten Fällen läuft das genauso, wie es nach unserem Selbstverständnis laufen muss. Aber wir müssen uns immer wieder versichern, dass das auch so bleibt. Die Verantwortung, die wir hier tragen, können wir nicht delegieren.

Wir müssen selbst in Augenschein nehmen, wie es in den kritischen Bereichen läuft. Nur dann können wir unseren Kunden sichere, ehrliche und überzeugende Antworten geben. Die jüngsten Fälle haben gezeigt, dass es fatal sein kann, wenn man sich nicht persönlich darum kümmert.

Auch hier wollen wir mit unseren Mitgliedern in den Dialog kommen. Wir führen gerade eine Befragung durch, in der wir herausfinden wollen, welche Schritte die Unternehmer im Fleischerhandwerk in diesem Bereich für richtig halten. Diese Punkte werden wir auch bei unserer Mitgliederversammlung aufnehmen und besprechen.

Wie läuft der Austausch zwischen Mitgliedern und Verbänden in Coronazeiten?

Dohrmann: Über die DFV-App zu verfügen, war in diesen Zeiten ein echter Glücksfall. Als wir sie im Januar vorgestellt haben, ging es uns vor allem darum, die einzelnen Mitgliedsbetriebe schnell und unmittelbar über die Arbeit des DFV zu informieren. Wir haben alle Mitglieder angeschrieben und ihnen dabei den individuellen Zugangscode zugeschickt. Aktuell erreichen wir noch nicht alle Mitglieder mit unserer App, aber immerhin die Mehrheit.

Und dann kam Corona. Wir konnten schnell und topaktuell informieren, nicht nur, wie üblich über Rundschreiben, sondern auch ganz direkt. Dabei war uns wichtig, diese Information immer auch auf das Wichtigste zu beschränken. Nicht alles, was man sowieso in der Zeitung lesen konnte oder was alle möglichen anderen Verbände und Institutionen zusammengetragen haben, haben wir nacherzählt.

Wir haben uns auf das konzentriert, was fachlich, wichtig und hilfreich ist. Nicht möglichst viel, sondern möglichst relevant. Wir haben selbst Informationen zusammengestellt, aufbereitet und Hilfestellungen erarbeitet. Und all das haben wir schließlich über die App transportiert. Die vielen positiven Reaktionen zeigen, dass wir das nicht ganz falsch gemacht haben.

Abseits von Corona und Afrikanischer Schweinepest: Welche Pläne haben Sie für 2021 bzw. was steht im kommenden Jahr auf der Agenda?

Dohrmann: Ganz grundsätzlich ist die wichtigste Aufgabe unseres Verbands, die Unternehmen des Fleischerhandwerks politisch zu vertreten. Da wird definitiv das nächste Jahr ein ganz besonderer Abschnitt, schließlich findet in 2021 eine Bundestagswahl statt.

Die Ereignisse dieses Jahres haben dazu geführt, dass wir auf Bundesebene zu einer großen Zahl von Politikern den Kontakt intensivieren oder neu schaffen konnten. Ich glaube, dass es sehr hilfreich sein wird, dass uns das parteiübergreifend gelungen ist. Es wird unsere Aufgabe sein, unsere Themen wie Regionalität, Nachvollziehbarkeit, persönliche Unternehmerverantwortung und Nachhaltigkeit, in die dann laufenden Debatten einzuspeisen.

Das Ganze wird gipfeln in den Koalitionsverhandlungen. Welche Parteien auch immer diese Verhandlungen dann führen: Wir werden vorbereitet sein und auch hier unsere gestärkte Position einbringen.

Die Fragen stellten Sandra Sieler und Jörg Schiffeler.

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