Jubiläum 200 Jahre Herzblut

Freitag, 26. Juni 2020
Ein starkes Team: Von links Matthias Sponagel, Andrea Sponagel, Jochen  und Helmut Kaffenberger.
Foto: asm
Ein starkes Team: Von links Matthias Sponagel, Andrea Sponagel, Jochen und Helmut Kaffenberger.

„Regional ist unser Bio“ – so heißt die Devise der Familie Kaffenberger im südhessischen Odenwald.
von Andrea Möller

Schon seit der Gründung ihrer Metzgerei im Jahr 1820 kommen die Tiere aus der unmittelbaren Umgebung. Weil die Familie Kaffenberger aus Brensbach zudem über genug Flexibilität verfügt, um schnell auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren, dürfte ihr Betrieb in Zukunft wettbewerbsfähig bleiben.

Tradition ist etwas Schönes. Vielleicht auch, weil sie in Zeiten rasant fortschreitender Technologien immer seltener wird. Doch es gibt sie noch, und in der Metzgerei Kaffenberger ist sie ein Grund für den Erfolg – den sehr langen Erfolg sogar. Schließlich blickt der Familienbetrieb im Odenwaldkreis auf eine 200-jährige Geschichte zurück. 

Als Johann Georg Kaffenberger 1820 seine Metzgerei in Nieder-Kainsbach gründete, hätte er sich vielleicht gewünscht, aber bestimmt nicht gedacht, dass sechs Generationen in seine Fußstapfen treten. Inzwischen wird das Familienunternehmen von Andrea Sponagel geleitet. Zu ihrem Team gehören Ehemann Matthias, ihr jüngerer Bruder Jochen und zwölf Angestellte. Wenn Not am Mann ist, kann sich die 42-Jährige außerdem auf die Unterstützung von Vater Helmut verlassen.

Doch wie schafft die Familie es, mit ihrer Metzgerei auch heute noch in einem kleinen Ort zu bestehen? „Durch Qualität und eine breite Fächerung des Angebots“, erklärt die Chefin. Zu den Standbeinen des Fachbetriebs zählen der Verkaufsladen inklusive Frühstück, Heißtheke und Mittagsmenü – letzteres meistens mit Fleisch. „Früher hatten wir öfter vegetarische Gerichte auf der Wochenkarte, zu denen sich die Kunden aber immer ein Schnitzel dazubestellt haben.“

Weitere Einnahmen werden mit Lohnschlachtungen zum Beispiel für andere Kollegen und Hofläden erzielt. Während sich Sponagel als Fleischerei-Fachverkäuferin vor allem um den Thekenbereich kümmert, ist Metzgermeister Jochen Kaffenberger für die Produktion zuständig. Und sein Arbeitsplatz liegt nur wenige Schritte entfernt: Denn Schlachtraum und Wurstküche befinden sich auf dem Grundstück des Familienunternehmens. „Dass wir selbst schlachten und produzieren, ist ein großes Alleinstellungsmerkmal“, meint Kaffenberger. „Hier in der Umgebung macht das fast niemand mehr.“

Übrigens produziert er auch Wurst für Geschäftskunden wie Marktbeschicker und Foodtruck-Betreiber – und zwar nach individuellem Rezept. Das bringt für die Auftraggeber einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Immerhin können sie sich dadurch von ihren Mitbewerbern unterscheiden. Der als „Make your Worscht“ bezeichnete Service kommt auch bei Privatkunden sehr gut an, die zum Beispiel allergisch auf bestimmte Inhaltsstoffe reagieren. „Wir benötigen lediglich eine Liste mit den gewünschten Zutaten und schon können wir loslegen“, so der Metzgermeister.

Für seine Schwester stellt er ungefähr 90 verschiedene Wurstsorten her. Als Spezialitäten gelten, wie so oft im Odenwald, die vielen rohen Schinken. Und der Koischbocher Knorz ist ein gutes Beispiel dafür: Er zeichnet sich durch einen dunklen Farbton aus und erhält sein kräftiges Aroma durch den Rauch heimischer Tannen. Obendrein wurde das Sortiment um Produkte ohne Schwein erweitert, die nicht nur bei den muslimischen Kunden großen Anklang finden. Wenn es um die Fleischwaren geht, nimmt das Interesse an besonderen Reifeverfahren langsam ab. „Dry-Aged-Produkte bieten wir zwar regulär an, die Nachfrage ist allerdings ein bisschen rückläufig“, weiß Sponagel.

Insgesamt stellt das Wurstküchenteam wöchentlich zwischen 600 und 800 Kilogramm Wurst her. Bei den Fleischwaren bringen sie es auf 1,5 Tonnen. „Pro Woche schlachten wir ein Rind und zehn Schweine“, verrät Kaffenberger. Die Tiere stammen von Züchtern aus der Region, und am längsten arbeitet die Familie mit Nachbar Werner Götz zusammen. „Der führt seine Bullen am Strick zu uns. Sie laufen wie ein Hund hinter ihm her. Daran merkt man eben, wie er die Tiere behandelt“, erzählt Sponagel.

Die übrigen Bauern befinden sich in einem Umkreis von höchstens 25 Kilometern. Eine größere Entfernung bedeute nur unnötige Strapazen. Viele Kunden kommen extra von weiter her, weil sie die Tradition und das Regionale suchen und weil sie zu schätzen wissen, dass alles aus einer Hand stamme. Deshalb behauptet sich der Familienbetrieb auch gut gegen die Discounter und deren Billigfleisch.

Außerdem hat Sponagel das Gefühl, als Inhaberin einer Metzgerei gelassen in die Zukunft blicken zu können. Sie gehört nicht zu den Geschäftsleuten, die auf bestehenden Angeboten beharren. Es sei denn, sie erweisen sich als nicht erfolgreich. „Ich glaube, es kommt vor allem darauf an, flexibel auf Kundenwünsche und aktuelle Entwicklungen zu reagieren. Mit Beginn der Corona-Krise beispielsweise mussten wir den Partyservice, eines unserer starken Standbeine, stark zurückfahren.“ Deshalb haben sie und ihr Team kurzerhand den Lieferservice erweitert. Kein Wunder, dass die Metzgerei am 7. Juni ihren 200. Geburtstag feierte.
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