Jubiläum „Saubreit aufgestellt“

Donnerstag, 22. Oktober 2020
Das „Dream-Team“ der Traditionsmetzgerei in Dorf-Erbach: Klaus Kirchschlager flankiert von Ehefrau Anja (links) und Mutter Eva Maria (rechts).
Foto: asm
Das „Dream-Team“ der Traditionsmetzgerei in Dorf-Erbach: Klaus Kirchschlager flankiert von Ehefrau Anja (links) und Mutter Eva Maria (rechts).

Es begann dereinst mit Hausschlachtungen. In diesen Tagen feiert die Metzgerei Kirchschlager in Erbach ihr 50-jähriges Bestehen.
Die Metzgerei Kirchschlager im südhessischen Odenwald hat kürzlich ihren 50. Geburtstag gefeiert. Der Familienbetrieb setzt auf verschiedene Standbeine und ist dabei immer offen für Neues. 

Alles begann mit Klaus Kirchschlagers Hausschlachtungen in Dorf-Erbach. Die Produkte stießen bald auf eine so große Nachfrage, dass das örtliche Veterinäramt einschritt – und eine professionellere Grundlage von Kirchschlager forderte. Kurze Zeit später eröffnete er die gleichnamige Metzgerei, die im September bereits ihren 50. Geburtstag feierte. Das ist umso bemerkenswerter, als sich das Fleischerhandwerk seit vielen Jahren im Umbruch befindet. Durch die immer schwierigeren Rahmenbedingungen und gesellschaftlichen Entwicklungen hat die Anzahl der Betriebe stark abgenommen. Stellt sich die Frage, nach welchem Erfolgsrezept die Metzgerei in Dorf-Erbach arbeitet?

„Qualität ist das A und O“, sagt Klaus Johannes Kirchschlager, der 2004 in die Fußstapfen seines Vaters getreten ist. „Und eine Persönlichkeit, die voll dahinter steht.“ In seinem Fall handelt es sich sogar um eine Persönlichkeit, die dafür ihr Gesicht in die Kamera hält. Das Ergebnis ist ein Foto, auf dem der Metzger einen Schinken mit verzücktem Lächeln präsentiert. Es schmückt das Firmenfahrzeug und hat sowohl dem Chef als auch seinem Betrieb überraschend große Popularität eingebracht. „Auf der Straße grüßen mich plötzlich Leute, die ich noch nie zuvor gesehen habe.“

Ohnehin sei eine gute Außendarstellung heute enorm wichtig. So hat Kirchschlager seine Internetpräsenz vor einigen Jahren komplett erneuert. Zudem ist er in den sozialen Netzwerken sehr aktiv. „Das muss man einfach machen, um am Puls der Zeit zu bleiben. Auf Facebook und Instagram poste ich regelmäßig.“ Aktuell sei das nun mal der schnellste Weg, Neuigkeiten zu transportieren. 

Dass er in der Dorfgemeinschaft eng verwoben ist, trägt ebenfalls zur Erfolgsgeschichte des Familienbetriebs bei. Während sein Vater zu den Mitgliedern des lokalen Gesangvereins gehörte, engagiert sich der Sohn in zwei Feuerwehren und steht an Fastnacht mit dem Männerballett auf der Bühne. Dass er sich selbst nicht so ernst nimmt, verschafft ihm viele Sympathien und Mundpropaganda. Werbung für die Metzgerei machen auch die Dorfältesten, die mindestens zweimal wöchentlich dort einkaufen. „Einer von ihnen sitzt oft in seinem Hof auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Und nachdem ich unseren Verkaufsautomaten befüllt habe, halte ich meistens ein Schwätzchen mit ihm.“ Für den Automaten sei übrigens keine Reklame nötig gewesen. Er hätte ihn aufgestellt, ein Foto auf Facebook gepostet, und seither laufe er von allein. „Dafür kommen die Leute zum Teil aus Höchst hergefahren.“

Schnell wie die Feuerwehr

Der Verkaufsautomat ist eines von mehreren Standbeinen, auf die Kirchschlager und sein Team setzen. Derzeit besteht es aus zwölf Mitarbeitern, darunter drei Azubis, vier Verkäuferinnen und drei Personen in der Küche. Die werden von einem Geflüchteten aus Afghanistan unterstützt. „Er ist unser Speedy Gonzales an der Spüle. Da kommt so schnell keiner hinterher“, erzählt der Inhaber. Ehefrau Anja ist eigentlich bei der HEAG beschäftigt, einem großem Konzern in Darmstadt, hilft aber an den Wochenenden in der Metzgerei. Ähnliches gilt für Mutter Eva Maria: „Wenn es irgendwo brennt, fungiert sie als Feuerwehr. Sie hat den Laden ja mit aufgebaut und viel Herzblut hineingesteckt.“

Gemeinsam kümmern sie sich darum, dass der Familienbetrieb mit seinen verschiedenen Bereichen ein florierendes Unternehmen bleibt. Die Metzgerei umfasst neben dem großen Sortiment aus Fleisch und Wurst eine Heiße Theke, bietet wechselnden Mittagstisch an, macht Catering und steht mit einem Stand auf örtlichen Festen.
„Ihr dürft bei jedem Handwerkskollegen einkaufen, nur nicht im Supermarkt.“
Klaus Kirchschlager
„Wir sind saubreit aufgestellt“, so der Chef des Hauses. „Außerdem haben wir vor zwei Jahren mit unseren Wurstkursen angefangen. Immer samstags zerlegen wir ein halbes Schwein, aus dem wir zusammen mindestens drei Sorten Bratwurst machen.“ Dadurch bekämen die Kunden ein Gefühl für das Handwerk und die Qualität. Obendrein veranstaltet er Grillkurse, in denen er zeigt, was sich aus guten Produkten machen lässt. 80 Prozent der Teilnehmer kauften ihr Fleisch inzwischen bei ihm. „Ich sage immer: Ihr dürft bei jedem Handwerkskollegen einkaufen, nur nicht im Supermarkt. Wenn ich Euch da erwische, gibt’s was auf die Ohren“, so der Metzgermeister – der auch ein Händchen für Kreatives hat.

Stets offen für Neues

So gehört zu den 100 Wurstsorten, die er und sein Team herstellen, beispielsweise die Surf & Turf. Dahinter steckt eine Grillbratwurst mit Linsen, grob geschnittenen Garnelen und frischem Koriander, für die Kirchschlager bei der Qualitätsprüfung „Meisterstücke – Wettbewerbe für Fleisch- und Wurstkultur“ des Fleischerverbands NRW den Innovationspokal 2020 eingeheimst hat.

„Offen für Neues zu sein, ist gerade in einem Traditionsbetrieb sehr wichtig. ‚Gehe mit der Zeit, sonst gehst Du mit der Zeit‘, war der Standardspruch meines Vaters.“ Deshalb verkauft sein Sohn schon seit Beginn des Dry-Aging-Trends entsprechend gereiftes Fleisch. Allerdings lagert es bei ihm nicht in speziellen Schränken, sondern in Kühlhäusern. „Das funktioniert genauso gut, kostet mich aber nicht extra. Da ist der Odenwälder sparsam.“

Beliefern lässt er sich seit mehr als 15 Jahren von der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (BESH). „Da laufen die Tiere von der grünen Wiese in die Schlachtung“, erzählt Anja Kirchschlager. Das merke man an der Fleischqualität und unterscheide die Metzgerei auch von den Mitbewerbern. 

Transparenz ist für den Familienbetrieb ein weiterer wichtiger Aspekt, den die Kunden in Corona-Zeiten honorieren. Deshalb ist die Nachfrage bei den Kirchschlagers nicht eingebrochen, sondern gestiegen. „Außerdem wissen die Kunden, dass ich hinter meinen Produkten stehe und sie liebe“, so der passionierte Metzgermeister. „Für meinen Beruf braucht es nun mal ein bisschen Wahnsinn.“

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