Standpunkt Marmorkuchen enthält keine Steine

Sonntag, 27. März 2016
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Nachdem es fast zur Mode geworden war, die Sinnhaftigkeit des Deutschen Lebensmittelbuches sowie die Arbeit der Deutschen Lebensmittelbuch-Kommission in Frage zu stellen, ließ das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft dieses Instrument zur Festschreibung der allgemeinen Verkehrsauffassung durch ein neutrales Gutachtergremium bewerten.

Der Projektendbericht „Evaluierung des Deutschen Lebensmittelbuchs (DLMB) und der Deutschen Lebensmittelbuch-Kommission (DLMBK)“ empfahl „die Fortführung des DLMB/der DLMBK unter Umsetzung organisatorischer Optimierungspotenziale …“. Auf Grund der Studie kam es am 14. Januar 2016 im Deutschen Bundestag (18. Wahlperiode/149. Sitzung/TOP 5) zu einer Aussprache mit anschließender Beschlussfassung zur Reformierung von DLMB und DLMBK (http://dip21.bundestag.de/dip21/btp/18/18149.pdf ).

Auch wenn die Empfehlung einer Weiterführung von DLMB/DLMBK zu begrüßen ist, können die Debattenbeiträge nicht unkommentiert bleiben. Insbesondere die Ausführungen mehrerer Abgeordneter zum Schutz vor Irreführung und die dafür gewählten Beispiele bedürfen einiger Anmerkungen aus Sachverständigensicht.

Von Goetz Hildebrandt

Gemäß § 15 Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch (LFGB) ist das Deutsche Lebensmittelbuch „eine Sammlung von Leitsätzen, in denen Herstellung, Beschaffenheit und sonstige Merkmale von Lebensmitteln, die für die Verkehrsfähigkeit der Lebensmittel von Bedeutung sind, beschrieben werden“. Damit ist die Kodifizierung der allgemeinen Verkehrsauffassung eines einwandfreien Lebensmittels gemeint, wobei diese Vorstellung nach bisherigem Verständnis vom „redlichen Herstellungsbrauch“ sowie der „konkreten und berechtigten Verbrauchererwartung“ geprägt wird. In den meisten Diskussionsbeiträgen kam jedoch eine andere Philosophie zum Ausdruck. Redlicher Herstellungsbrauch und damit auch traditionelle Bezeichnungen zählen nicht mehr (und damit auch nicht die Erfahrung der Sachkenner).

Prof. Dr. Goetz Hildebrandt
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Prof. Dr. Goetz Hildebrandt
Ebenso wenig gilt der Anspruch, dass eine Verbraucherwartung berechtigt sein muss und zwar unter Berücksichtigung einer schon lange bestehenden Verkehrsüblichkeit. Anders ausgedrückt, die Leitsätze sollen sich an der Erwartungshaltung der Verbraucher (Elvira Drobinski-Weiß, Nicole Maisch) einschließlich der Verbraucherverbände (Karin Binder) orientieren.
„Verbraucher besser informiert oder eher verwirrt?“
Prof. Dr. Goetz Hildebrandt
Ein Lebensmittel hat so zu heißen, wie es sich der „durchschnittliche Verbraucher“ in Kenntnis seiner Beschaffenheit vorstellt. Gegebenenfalls wäre die Rezeptur zu ändern bzw. die Bezeichnung anzupassen. Hierfür lautet das griffige Motto: „Was drauf steht, muss auch drin sein, was drin ist, muss auch drauf stehen!“ (Gitta Connemann, Karin Binder, Dirk Wiese, Ursula Schulte). Aber gelten für diesen Anspruch keinerlei Bedingungen? Gerade die Bundestagsdebatte zeigte, dass Patentrezepte, generelle Schuldzuweisung und Empörung nicht die Auseinandersetzung mit dem konkreten Einzelfall ersetzen dürfen. Darüber hinaus dient es nicht der Klarheit und Wahrheit bezüglich des DLMB, wenn von dem „untergesetzlichen Regelwerk“ (Maria Flachsbarth, Alois Rainer) unzulässiger Weise Akte der normativen Rechtssetzung verlangt werden.

Zum Autor

Prof. Dr. Goetz Hildebrandt ist nach seiner Emeritierung als Hochschullehrer am Institut für Lebensmittelhygiene am Fachbereich Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin weiterhin in Lehre und Forschung, in der DLG, dem ALTS, der Fachpresse und der Deutschen Lebensmittelbuch-Kommission tätig. Seine Ernennung zum Mitglied der DLMBK erfolgte im August 1988, seit Mai 1999 war er Vorsitzender des Fachausschusses Fische. Hildebrandt wurde im Juli 2004 Mitglied des Präsidiums und Stellvertreter des Vorsitzenden der Kommission. Seit seiner Pensionierung im Juni 2009 ist er bis heute Sachkenner.
Manche Aufreger in der Debatte waren nicht nur der Schwerfälligkeit des Lebensmittelbuches geschuldet, sondern auch dem Aktualisierungsdefizit einiger Parlamentarier. Hier ist z.B. die Geflügelwurst anzuführen (Carsten Träger). Früher enthielten solche Würste bis zu 30% Fett und mehr, was bei dem leicht schmelzenden Geflügelfett in dieser Größenordnung nicht eingebracht werden konnte, sondern durch Schweinefett zumindest teilweise ergänzt wurde.

Inzwischen ist auf Grund bewussteren Ernährungsverhaltens der durchschnittliche Fettgehalt auf 20 % und weniger gesunken sowie die Technologie der Fettverarbeitung verbessert worden, weshalb sich die Substitution durch fettreiches Schweinefleisch erübrigt. Werden dennoch Mischungen aus Rot- und Weißfleisch angeboten, muss auf Bestandteile vom Schwein in der Rezeptur eines als Geflügelwurst oder sinngemäß deklarierten Erzeugnisses laut Nr. 2.11.4 der Neufassung der Leitsätze für Fleisch und Fleischerzeugnisse vom 25.11.2015 (BAnz AT 23.12.2015 B4, GMBl 2015, S. 1357) im Zusammenhang mit der Bezeichnung hingewiesen werden. Aufzählen im Rahmen der Zutatenliste genügt nicht mehr.

Nunmehr existieren beispielsweise drei Modifikationen einer geflügelfleischhaltigen Salami: (1) eine „Geflügelsalami“ ohne weiteren Hinweis ausschließlich aus Geflügelfleisch und -fett (Pute und/oder Huhn), (2) eine „Geflügelsalami mit Schweinefleisch“, wobei der Geflügelanteil überwiegen muss, und (3) eine „Salami mit Geflügelfleisch“, die dann mehrheitlich aus Schweine- und Rindfleisch (inklusive Fett) besteht. Sinngemäß gilt dieses Deklarationsschema laut Leitsatz-Ziffer 2.11.1 auch für die in der Debatte angesprochenen Lammwürste und Kalbswürstchen (Elvira- Dobrinski-Weiß). Diese positive Entwicklung in Richtung auf Klarheit und Wahrheit bezüglich der Tierart erleichtert auch der steigenden Zahl an Menschen, die rituelle Speisegebote befolgen, eine zügige Information. Andererseits muss erst die Zukunft zeigen, welche Verbraucher – auch im Hinblick auf die gegenseitige Austauschbarkeit von Puten- und Hühnerfleisch – besser informiert werden, welche eher verwirrt sind und welche die Begriffe sogar missverstehen.

Kalbsleberwurst und Kalbfleisch-Leberwurst

Parallel zur Tierartenkennzeichnung scheinen leberhaltige Erzeugnisse ein Lieferant interessanter Beispiele zu sein. So wurde die Kalbsleberwurst mehrfach von den Abgeordneten (Gitta Connemann, Karin Binder, Alois Rainert) angesprochen. Zunächst sei betont, dass Kalbfleisch und nicht Kalbsleber ihren sensorischen Charakter prägt und eine Verwendung von Schweine- statt Kalbsleber bei sonst identischer Zusammensetzung keine signifikanten sensorischen Unterschiede bedingt. Aus diesem Grund kamen die meisten traditionellen Rezepturen zwar ohne Kalbsleber, aber nie ohne Kalbfleisch aus.

Derzeit existieren zwei Sorten in den Leitsätzen (LS-Nr. 2.2312.1). Die „Kalbsleberwurst“ muss sowohl Kalbsleber als auch Kalbfleisch enthalten. Daneben ist die Zugabe von Schweinefleisch und -leber statthaft. In den Redebeiträgen der genannten Abgeordneten übergangen wurde, dass für die Rezeptur ohne verbindliche Kalbsleberverarbeitung, die schon länger den Markt beherrscht, als neue Sorte die „Kalbfleisch-Leberwurst“ eingeführt worden ist. Gegen diesen bereits vor Jahren geschaffenen Namen haben die Verbrauchervertreter im DLMB offenbar kein Gruppenveto eingelegt. Sie sollten deshalb auch dazu stehen, selbst wenn die Verbraucherzentrale und andere Organisationen darin eine Konsumententäuschung sehen, wie sie die DLMBK gerade vermeiden wollte.

In der öffentlichen Diskussion ebenso wie im Parlament (Gitta Connemann, Karin Binder, Alois Rainert ) ist weiterhin übersehen worden, dass Bezeichnungen mit der Wortverbindung Kalb für diesen Rohstoff nicht mehr einen Mindestgehalt von 15% implizieren und bei Kalbsleberwurst sogar ein relativer Anteil von über 50% Kalbsleber am Gesamtlebergehalt festgelegt wurde (LS-Nr. 2.231). Sofern diese Tierart einen Wortbestandteil der Bezeichnung bildet, muss ab 25.11.2015 eine Rezeptur grundsätzlich mindestens 50% Rindfleisch (ggf. einschließlich der Rinderleber) ausweisen. Davon hat bei einer Deklaration als „Kalb…“ der Kalbfleischanteil mindestens die Hälfte zu betragen, also absolut über 25%. Enthalten Erzeugnisse mit mindestens 50% Rindfleisch (inklusive Kalbfleisch) auch Schweinefleisch, ist auf diesen Zusatz in der Bezeichnung hinzuweisen.

Fehlt eine entsprechende Angabe, dürfen „Rindswurst“, „Rinderhack“ u.ä. im Umkehrschluss nur mit Fleisch der Tierart Rind hergestellt worden sein (LS-Nr. 2.11.1 in Verbindung mit Anhang VI Teil A Nr. 4 der VO (EU) 1169/2011; siehe auch die entsprechende Vorgabe für Geflügelerzeugnisse gemäß LS-Nr. 2.11.4). Auf Kalb(fleisch)-Leberwurst übertragen, könnte diese Vorgabe noch für erhebliche Irritationen sorgen. Allein mit Rindertalg lässt sich die typische Konsistenz einer Kochstreichwurst nicht erzielen, vielmehr bedarf es der Zugabe von fettreichem Schweinefleisch. Liegt eine solche Zusammensetzung vor, müsste die Sortenbezeichnung sinngemäß „Kalb(fleisch)-Leberwurst mit Schweinefleisch (und Schweineleber)“ lauten. Nach den Kennzeichnungsregeln dürften die meisten derzeit angebotenen Erzeugnisse jedoch nicht einmal den Anforderungen an diesen Namen genügen.

Auch wenn theoretisch eine Zusammensetzung in die Richtung 30% Kalbsleber und 25% Kalbfleisch denkbar ist, weisen die zugänglichen Rezepturen einen überwiegenden Gehalt an Schweinefleisch und -leber aus. Eben diese Produkte haben über Jahrzehnte unsere Vorstellung vom Genusswert (Aussehen, Konsistenz, Geruch und Geschmack) einer Kalbsleberwurst geprägt. Bei Anwendung geltender Kennzeichnungsregeln und buchstabengetreuer LS-Auslegung bliebe aber nichts anderes übrig, als die Leitsätze erneut zu aktualisieren und verkehrsübliche Kalbsleberwurst in „feine Leberwurst mit Kalbfleisch und Kalbsleber“ sowie Kalbfleisch-Leberwurst in „feine Leberwurst mit Kalbfleisch“ umzutaufen.
„Wortungetüme wecken keine Vorfreude auf das Produkt.“
Prof. Dr. Goetz Hildebrandt
Solche Wortungetüme wecken keine Vorfreude auf das Produkt, und Essen soll doch Spaß machen. Ob es dann überhaupt noch ein leitsatzkonformes Erzeugnis mit dem Namensbestandteil „Kalbsleberwurst“ geben wird und wie es auf Grund seiner korrigierten Rezeptur (>50% Rind/Kalb) mundet, bleibt spekulativ. Regelrecht exemplarisch illustriert die Diskussion um Wahrheit und Klarheit bei Kalbsleberwurst, wie schwer sich sogar bei bestem Willen selbsterklärende und zugleich unmissverständliche Bezeichnungen kreieren lassen. Vermutlich würde sich der deutsche Durchschnittsverbraucher auch nicht auf eine Bezeichnung verständigen können, von der niemand irritiert wird. Wer alle Fehldeutungen verhindern möchte, wird – wenn überhaupt –kaum simple Antworten finden. Der Ausspruch des US-amerikanischen Schriftstellers H. L. Mencken, dass es für jedes komplexe Problem eine Lösung gibt, die einfach, direkt und falsch ist, enthält viel Wahrheit.

Das gleiche Schicksal wie der Kalbsleberwurst droht bei formalistischer Auslegung auch der Sardellenleberwurst, denn höchstens 5% dieser Tierart werden in Form von Salzsardellen zur Würzung eingearbeitet. Wird Sardelle nicht im Sinne einer geschmacksgebenden Zutat gemäß LS-Nr. 1.8 interpretiert (analog zu Trüffel-, Sahne- und Tomatenleberwurst), sondern als Hauptbestandteil missverstanden, müsste die Deklaration „feine Leberwurst mit (Salz-)Sardellen“ lauten. In dieser Art umzubenennen statt Rezepturen zu ändern, ist zwar in vielen Fällen der Königsweg zur Bezeichnungsehrlichkeit, liefert aber manchmal keine allseits befriedigende Antwort.

Die Schwierigkeit, zwischen beschönigenden bzw. werbenden Namensvorschlägen der Unternehmen und negativ belegten, wenn nicht gar diskriminierenden Begriffen der Konsumenten einen wertneutralen Kompromiss finden zu müssen, wird z.B. bei Form- und Separatorenfleisch noch offensichtlicher als bei Kalbs- oder Sardellenleberwurst.

Gänseleberpastete und Leberkäse

Damit war die Angelegenheit „Leber“ noch nicht vom Bundestag abgehakt. Hinsichtlich der Zusammensetzung von Gänseleberpastete wurde bemängelt, dass sie teilweise auch ohne Fleisch hergestellt werden darf (Ursula Schulte). Die vermeintliche „Krönung“ der Irreführung dient aber nur der Klarstellung. Bei genauerem Hinsehen bezieht sich der LS-Hinweis, auf Fleisch verzichten zu dürfen, nur auf fettgewebs- und sehnenarmes Schweinefleisch, nicht aber Gänsefleisch (Zum Thema Reinheitsgebot für Geflügelprodukte siehe Ausführungen über die Tierartkennzeichnung).

Bei Straßburger Gänseleberpastete stimmt allerdings der Vorwurf der „Fleischlosigkeit“, denn als edelstes aller einschlägigen Produkte besteht sie nur aus Gänseleber, wie unter LS-Nr.2.2311.2 nachzulesen. Letztlich durfte das Thema Leberkäse nicht fehlen. Auch wenn Carola Stauche Leberkäse ohne Leber generell für zulässig und erhaltenswert hielt, gilt diese Ausnahme laut LS-Nr. 2.222.2 und 2.223.3 nur für Bayern. Zum Nachteil preußischer Touristen konzediert das DLMB immerhin für den Süden Deutschlands, dass Leberkäse als Element pfleglich behandelten Brauchtums keine Leber enthält.
„Leberkäse enthält als Element pfleglich behandelten Brauchtums keine Leber.“
Prof. Dr. Goetz Hildebrandt
Anderenfalls würde das Produkt nicht wie gewohnt, für manchen Alpenländler sogar inakzeptabel schmecken (O-Ton einer bajuwarischen Studentin: „Ich will keine Leber im Leberkäs“). In allen anderen Bundesländern muss die leberfreie Variante „Fleischkäse“, „Schweinskäse“ oder „Bayerischer Leberkäse“ heißen. Ist damit dem Wahrheitsgebot genüge getan oder lässt sich bezüglich der beiden erstgenannten Bezeichnungen nicht ausschließen, dass Wutbürger ohne Warenkunde sich darunter einen Käse mit Fleischbrocken vorstellen und erneut eine skandalöse Irreführung enthüllen? Auch Konsumenten mit Laktoseintoleranz könnten Verunsicherung fühlen.

Seelachs, Lachsersatz und Lachsschinken

Bei seinem Generalangriff auf das DLMB im März 2014 pushte die NGO Foodwatch das Thema „Seelachs/Alaska-Seelachs/Lachsersatz“ derart ins öffentliche Bewusstsein, dass es auch die Abgeordneten erreichte (Nicole Maisch). Historisch entwickelte sich der Name Seelachs – zuvor als Köhler, Kohlfisch oder Kohlmul bezeichnet – für die Art Pollachius virens aus der Familie der Dorsche vor etwa 80 Jahren, als dieser Fisch zur Herstellung eines rotgefärbten und salzgereiften Lachsersatzes in Öl genutzt wurde (siehe Erlass des Reichsministers des Inneren vom 14.06.1938 über die Bezeichnung von Seelachs (Lachsersatz)). Inzwischen ist die Bezeichnung in die populärwissenschafliche und kulinarische Nomenklatur eingegangen.
„Früher war nicht alles besser, aber manches einfacher.“
Prof. Dr. Goetz Hildebrandt
Auch das offizielle Verzeichnis über Handelsbezeichnungen für Erzeugnisse der Fischerei und der Aquakultur (basierend auf einer VO (EU) über die gemeinsame Marktorganisation sowie der FischetikettierungsVO) sieht für diese und eine nah verwandte Spezies mit dem rassistisch klingenden Namen Pollack (Pollachius pollachius ) die Bezeichnung „Seelachs“ vor, beim Pollack erweitert auf „Heller Seelachs“. Die ebenfalls zur Dorsch-Familie rechnende Art Theragra chalcogramma wird laut Verzeichnis „Alaska-Seelachs“ genannt, es existiert in der Literatur aber auch die Bezeichnung Pazifik-Pollack.

Pikanterweise werden die Handelsbezeichnungen auf Antrag der Importeure von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung festgelegt, nachdem die obersten Fischereibehörden der Bundesländer, der Bundesmarktverband der Fischwirtschaft e.V., die Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. und das Johann Heinrich von Thünen-Institut (Bundesforschungsanstalt für Ländliche Räume, Wald und Fischerei) angehört worden sind. Dieses Prozedere deckt sich sinngemäß mit dem Vorschlag von Karin Binder , die Aufgaben des DLMB an ein Bundesamt mit hauptamtlichen Mitgliedern zu delegieren, um den Einfluss der Unternehmer zu beschneiden. Seelachs und Alaska-Seelachs sind dennoch geblieben.

Möglicherweise würde die Verwendung des Bezeichnungselements „…lachs“ für bestimmte Dorschartige ebenso wenig Kritik erzeugen wie bei den vom Schwein stammenden Produkten „Lachsfleisch“ und „Lachsschinken“, wenn der Begriff nicht mit der Herstellung eines nachgemachten Lebensmittels verknüpft wäre. Dass der Hinweis „Lachsersatz“ zur ausreichenden Kenntlichmachung eines Imitats von einigen Produzenten nur verborgen oder gar nicht angebracht wird, ist aber nicht den Leitsätzen für Fische, Krebs- und Weichtiere und Erzeugnisse daraus anzulasten. Hier liegt ein klarer Verstoß gegen LS-Nr. F.1.d) vor, wonach bei derartigen Erzeugnissen der Name (z.B. „Seelachspaste“) durch den Begriff „Lachsersatz“ in einem rechteckigen Rahmen ergänzt werden muss. Beschwerden wegen fehlender Hinweise wären also an die Überwachungsbehörden zu adressieren.

Krautwurst, Schinkentorte und Hackbeefsteak

Nicht nur für Begriffe wie „Geflügelsalami“, „Kalbfleisch-Leberwurst“, „Leberkäse“ und „Seelachs“ stellt sich die Frage, wo die Irreführung beginnt und welche – insbesondere traditionellen – Bezeichnungen zwar von der Wortwahl her irreführend sind, ohne dass sie von mehr als einer unerheblichen Minderheit missverstanden werden (wollen). Bezüglich Marmorkuchen und Touristenwurst (Maria Flachsbarth, Oliver Krischer) ist die Situation eindeutig, aber wie steht es um Bierschinken, der schon immer eine gerstensaftfreie Wurst und keine Fleischportion (Stückware) darstellte? Auch für Teewurst, Krautwurst, Schinkentorte oder Hackbeefsteak (mit Bindemitteln) lassen sich Fehlinterpretationen denken.

Solche Beispiele sind nicht an den Haaren herbeigezogen, wie das „Schinkenbrot“ demonstriert, eine Bezeichnung, die gemäß DLMB für eine traditionelle Brotsorte („Brot, das zu Schinken passt“) und nicht für eine Schinkenstulle gilt. AuchGitta Connemann undNicole Maisch , die hier eine Irreführung bemängelten, würden sofort die Natur des Lebensmittels erkennen, sofern sie sehenden Auges und mit wachem Verstand ein Geschäft betreten. Spätestens jetzt wäre nach der Legitimation zu fragen, traditionelle Begriffe wegen des permanenten Täuschungsverdachts eines informationsunwilligen Teils der Verbraucherschaft fast reflexartig zu zensieren.

Die Informationspflicht des Konsumenten gemäß EU-Rechtsprechung stellt ohne Zweifel ein fragwürdiges Konstrukt dar, aber das frühere Modell eines „flüchtigen“ Bürgers genügt ebenso wenig als Basis für ein bewusstes und marktordnendes Kaufverhalten. Bei strittigen Bezeichnungen bedarf es klarer, warenkundlich und juristisch abgesicherter Entscheidungsregeln und nicht nur des Auszählens von Proteststimmen in einschlägigen Internetportalen. Wenn dann noch mangelnde Kompetenz in Detailfragen, wie sie in der 149. Sitzung des Bundestags zu oft in Erscheinung trat, hinzukommt, fällt eine möglichst vorurteilsfreie Lösung noch schwerer.

Weit mehr als die permanenten, gelegentlich sogar berechtigten Zweifeln an der Bezeichnungsehrlichkeit von Hersteller und Handel fällt die Mär von der Unternehmerdominanz (Karin Binder ) unter die belastenden Vorurteile gegen die Arbeit der DLMBK. Vier Jahre zuvor hatte der jetzige Staatssekretär Gerd Billen sogar verlangt, die Rolle der Industrie auf Beratung zu reduzieren (und sie damit aus der Verantwortung zu entlassen). Die 21 Leitsätze wären aber nie zu Stande gekommen und überarbeitet worden, wenn sich eine Partei in Totalverweigerung geübt hätte.

Ob Verbraucher oder Unternehmer sich mit der notwendigen Dreiviertel-Mehrheit durchsetzen, hängt davon ab, wem die Wissenschafts- und Überwachungsvertreter, die erfahrungsgemäß der Sicht des Konsumenten aufgeschlossen gegenüberstehen, letztlich zustimmen. Richtig ist jedoch, auf die problematische, aber sehr selten genutzte Möglichkeit des Gruppenvetos hinzuweisen. Hier finden sich Vorschläge der Gutachter, trotz Konsensprinzip durch Schlichtung die Möglichkeiten der Blockade zu minimieren.

Hoffnung gibt, dass eine funktionierende DLMBK auch weiterhin im Interesse der Wirtschaft liegt. Dabei ist dem Gewerbe eher an den Definitionen der Zusammensetzung und den Beurteilungsmerkmalen gelegen, während dem Konsumenten die begriffsbestimmende Komponente, d.h. der konkrete Täuschungsschutz des DLMB, mehr bedeutet.

Zu Recht wurde in der Debatte darauf hingewiesen, dass früher nicht alles besser, aber manches einfacher war. Man verstand mehr von Lebensmitteln, weil sie überwiegend selbst hergestellt oder zumindest selbst zubereitet wurden, das persönliche Gespräch an der Ladentheke viele Hinweise lieferte und die Auswahl industrieller Lebensmittel geringer war (Gitta Connemann). Zunehmend droht Desinformation durch Überinformation, die durch Forderung nach immer neuen Kennzeichnungsinhalten gefördert wird.

Wer Lebensmittel ohne Beipackzettel möchte (Ursula Schulte), muss auf manche erwünschte Information auf dem Etikett verzichten. Entsprechendes gilt für das DLMB. Die letzte Ausgabe in Buchform (2012) umfasst 483 Seiten LS-Text und würde auch bei rigider Kürzung bestimmt nicht auf den berühmten Bierdeckel passen. Wegen der zunehmenden Diversifizierung des Marktes in Verbindung mit einem steigenden Informations- und Regulierungsbedürfnis nehmen Codices, Richtlinien und Leitsätze an Umfang eher zu als ab.

Dabei nutzen die meisten Verbraucher das vielfältige Informationsangebot gar nicht, sondern orientieren sich bei ihrer Auswahl überwiegend an der bildlichen Darstellung auf dem Etikett, dem Preis, dem Namen des Herstellers oder dem Aussehen des Lebensmittels. Neben einer stärkeren Würdigung des Internetportals Lebensmittelklarheit macht deshalb auch die Forderung, von Seiten der Wissenschaft gezielt Verbraucherforscher in die DLMBK zu berufen und fachbezogene Begleitforschung zu unterstützen, absolut Sinn.

Gerade die Analyse des Konsumentenverhaltens kann bei der Entscheidung helfen, welche Bezeichnungen ein echtes Irreführungspotenzial besitzen und welche schon so lange in Gebrauch sind, dass sie nicht im Widerspruch zur allgemeinen Verkehrsauffassung stehen. Insbesondere gilt es, Verbraucheraufklärung und Kaufentscheidungen nicht durch eine ökonomische oder ideologische Brille zu sehen, sondern die psychologischen Bedürfnisse und kognitiven Fähigkeiten des Kunden richtig einzuschätzen. Hoffentlich findet sich dann ein ausgewogener Standpunkt im Spannungsfeld der vier Forderungen an die Kennzeichnung, nämlich einfach, verlässlich, umfassend und verständlich zu sein.
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