Was ist eigentlich ein „Skandal“?

Dienstag, 21. Januar 2014
Foto: Lebensmittel werden oft als romantisch-bäuerliches Erzeugnis beworben. Quelle: FleischWirtschaft 1/2014

Durch die Vielfalt der Medienlandschaft muss gezielt navigiert werden, um Skandale zu vermeiden
(Bild: Lebensmittel werden oft als romantisch-bäuerliches Erzeugnis beworben. Quelle: FleischWirtschaft 1/2014)
Die Medien bestimmen heute, was in unserer Gesellschaft gut oder schlecht, richtig oder falsch ist. Innerhalb weniger Minuten werden Meinungen über Zustände „gebildet“ und global verbreitet. Fachwissen und die Differenzierung zwischen Korrelation und Kausalität sind zweitrangig. Vermeintlich intransparente Vorgänge und daraus abgeleitete Verletzungen des moralischen Gefühls führen zur sofortigen „medialen Verurteilung“ des Betroffenen lange bevor ein Rechtsvollzug nach etwaigen Verletzungen von Rechtsnormen statt findet.

In der Lebensmittelwirtschaft führen regelmäßig verklärt idyllisierende Vorstellungen des Verbrauchers über die Lebensmittelherstellung entgegen der realen Lebensmitteltechnologie zu Störgefühlen, die von den Medien auflagen- und quotenträchtig multipliziert werden. Nur eine langfristig angelegte und tiefgreifende Aufklärung der Verbraucher über die moderne Lebensmittelherstellung können diese Diskrepanz auflösen und das gefühlte Vertrauen zu Lebensmitteln wieder herstellen.

Der Autor

Der Autor
( Bild: Der Autor)
Prof. Dr. Ulrich Nöhle,

Lebensmittelchemiker, promoviert in Biochemie, war 30 Jahre in internationalen Konzernen der Lebensmittelindustrie in Führungspositionen in tätig.

Heute ist er Interim- und Krisenmanager Food & Feed, Medientraining, Behördenmediation.

Außerdem hat er eine Honorarprofessur für Industrielles Qualitätsmanagement an der TU Braunschweig inne.

Wir leben im Zeitalter der Skandale. Insbesondere bei Lebensmitteln ist eigentlich alles ein „Skandal“, das „irgendwie von der Norm abweicht“. Wikipedia, sagt zum Begriff „Skandal“: „Bei einem Skandal handelt es sich um eine allgemeine Entrüstung oder Empörung im Sinne eines moralischen Gefühls. Zu wissen, worüber sich eine Gesellschaft empört, lässt ablesen, wo und wie die überschrittenen Grenzen liegen.

Da Medien und Presse auch an hohen Zuschauer-, Hörer- und Leserzahleninteressiert sind, kann es dazu kommen, dass Vorgänge über Ihre Bedeutung hinaus „skandalisiert“ werden. Wo die Grenze zwischen ‚legitimer Empörung‘ und ‚künstlicher Aufgeregtheit‘ liegt, ist vom Betrachter und dessen sozialen, religiösen und politischen Hintergrund abhängig“

Ein Skandal ist also nicht etwa die Folge der Überschreitung eines gesetzlich festgelegten Grenzwertes für eine Kontaminante oder eine konkrete Gesundheitsgefahr in Verbindung mit einem bestimmten Produkt, sondern die Verletzung eines „moralischen Gefühls“.

Gefühle wiederum sind subjektive Wahrnehmungen jedes einzelnen. Unter Moral sind faktische Handlungsmuster,- konventionen- oder -regeln zu verstehen, die aber zwischen Individuen, Gruppen und Kulturen völlig unterschiedlich ausgeprägt sein können.

Wenn dann dieses moralische Gefühl mit faktischer Unwissenheit gepaart ist, können Zustände, die aus naturwissenschaftlicher Sicht völlig unbedeutend sind, zu Skandalen hochstilisiert werden – und umgekehrt, tatsächlich lebensbedrohliche Zustände als völlig unbedeutend empfunden werden.
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