afz-Interview Wenn das Kamerateam beim Metzger klingelt...

Donnerstag, 06. August 2015
Wenn das Kamerateam beim Metzger klingelt...
Foto: DFV
Wenn das Kamerateam beim Metzger klingelt...

Tageszeitungen und Fernsehen berichten gern über tatsächliche oder mutmaßliche Missstände in Betrieben.
DFV-Pressesprecher Gero Jentzsch erklärt, wie sich Inhaber bei Medienanfragen verhalten sollten.

Wie läuft die Vorbereitung einer Reportage bei den Medien in der Regel ab?

Gero Jentzsch: Der betroffene Betrieb erfährt oft zuletzt, dass über ihn berichtet werden wird. Vorangegangen sind meist Recherchen, Film- und Fotoaufnahmen, manchmal mit versteckter Kamera, sowie Probennahmen, Laboruntersuchungen und Interviews mit echten oder vermeintlichen Experten. Dabei recherchieren die wenigsten Journalisten ergebnisoffen.

Oft werden gezielt bestimmte Zusammenhänge hergestellt und dramatisiert, um den Eindruck von Missständen zu erwecken. Bei investigativen TV-Formaten ist die Aussicht auf gute Einschaltquoten hoch, wenn „skandalöse“ Zustände aufgedeckt werden, selbst wenn die Geschichte dahinter nur wenige echte „Aufreger“ enthält.

Erhalten die Betroffenen Gelegenheit zur Stellungnahme?

Jentzsch: Die gute journalistische Praxis fordert, dass die Betroffenen zu Wort kommen müssen. Es ist aber nicht festgelegt, wie und in welchem Umfang. Daher geschieht die Kontaktaufnahme oft erst, nachdem ein bestimmtes Rechercheergebnis feststeht.

Die Betroffenen werden dann per Anruf oder E-Mail über die Ergebnisse der Recherche informiert und um Stellungnahme gebeten. TV-Formate bieten oft an, vor der Kamera zu den erhobenen Vorwürfen Stellung zu nehmen.

Spricht für den Deutschen Fleischer-Verband: DFV-Pressesprecher Gero Jentzsch.
Foto: DFV
Spricht für den Deutschen Fleischer-Verband: DFV-Pressesprecher Gero Jentzsch.

Wie soll der Betrieb reagieren?

Jentzsch: Informieren Sie sich über die echten oder behaupteten Zusammenhänge. Beantworten Sie keine Fragen, bitten Sie am Telefon höflich um eine schriftliche Anfrage. Sammeln Sie möglichst viele Fakten zu den erhobenen Vorwürfen und entscheiden Sie, wie Sie weiter vorgehen. Holen Sie sich als Mitgliedsbetrieb unbedingt Rat von den Fachleuten in den Landesinnungsverbänden oder beim DFV. Wir empfehlen eine gut formulierte, knappe schriftliche Stellungnahme.

Wie sollte die aussehen?

Jentzsch: Das hängt von den tatsächlichen Zusammenhängen und den erhobenen Vorwürfen ab. Beachten Sie, dass jeder Satz eines Statements auch aus dem Zusammenhang gerissen zitierfähig bleibt.

Stellen Sie die Fakten wahrheitsgemäß dar, wobei Sie nicht verpflichtet sind, zu allen Aspekten ausführlich oder überhaupt Stellung zu nehmen.

Alle Informationen müssen nachprüfbar und belegbar sein. Vermutungen, Einschätzungen oder Aussagen zu Dingen, die außerhalb Ihres Einflussbereichs liegen – wie Produktionsbedingungen bei einem Zulieferer oder Mitbewerber – haben darin nichts zu suchen.

Besteht eine Chance zur Darstellung der eigenen Sichtweise?

Jentzsch: Davon würde ich beim Verfassen einer Stellungnahme nicht ausgehen. Wahrscheinlicher ist es, dass einzelne prägnante Aussagen aus dem Zusammenhang gelöst und an passender Stelle zitiert werden.

Eine umfassende, sachliche und neutrale Berichterstattung ist nicht im Sinn der meisten Enthüllungsjournalisten, vielmehr geht es um eine vereinfachte und dramatisierte Darstellung, die beim Zuschauer oder Leser Interesse und Emotionen wecken soll.

Eine Rechtfertigung oder Beschreibung der eigenen Sichtweise hat wenig Aussicht, in eine solche Berichterstattung aufgenommen zu werden. Daher sollten Betroffene unbedingt der Versuchung widerstehen, vor die Kamera zu treten, um ihre Version der Geschichte zu erzählen. Die Autoren des Beitrags entscheiden letztendlich darüber, wie die Geschichte erzählt wird und legen fest, wer die „Guten“ und wer die „Bösen“ sind. Und dies steht – leider – meist schon vorher fest.

Was mache ich, wenn ein Kamerateam vor der Tür steht?

Jentzsch: Zunächst einen kühlen Kopf bewahren. Niemand ist verpflichtet, zu einem Zusammenhang Stellung zu nehmen, den er nicht umfassend kennt. Wird ein Unternehmer vor laufender Kamera mit Vorwürfen oder Untersuchungsergebnissen konfrontiert, sollte er höflich darauf hinweisen, dass er zu diesen keine Stellung nehmen kann, ohne sie geprüft zu haben.

Er sollte vermeiden, emotional zu reagieren, auch wenn ein Interviewer nicht locker lässt und immer wieder nachhakt. Ein Gefühlsausbruch vor der Kamera und die berühmte Hand vor der Linse sind ein „gefundenes Fressen“ für jeden Investigativreporter.

Das Interview führte afz-Redakteurin Monika Mathes.
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