Erzeugung von Schweinefleisch: Spaniens Branc...
Mercolleida
Miquel Àngel Bérges zieht anlässlich des 50jährigen Mercolleida-Jubiläums Bilanz.
Miquel Àngel Bérges zieht anlässlich des 50jährigen Mercolleida-Jubiläums Bilanz.

LLEIDA Für Mercolleida-Generaldirektor Miquel Àngel Bérges sind die integrierten Systeme der spanischen Schweineproduktion wichtige Wachstumstreiber.

Der Generaldirektor des Mercolleida, Miquel Àngel Bérges, über die Arbeit der wichtigsten Notierungsstelle für landwirtschaftliche Produkte in Spanien und die Situation am Schweinemarkt, der in den vergangenen Jahren zum drittgrößten Produzenten der Welt aufgestiegen ist. 


Der Mercolleida in Lleida feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen und ist in Spanien eine Institution. Welche Aufgaben hat er?

Miquel Àngel Bérges: Er liefert seinen Mitgliedern und Kunden für verschiedene Produktbereiche aktuelle Marktinformationen und Preisentwicklungen aus dem In- und Ausland. Ein Schwerpunkt sind Notierungen und Referenzpreise, beispielsweise für Schweine, Rinder, Schafe, Getreide oder verschiedene Obstsorten, die national große Beachtung und Anwendung finden. In allen wichtigen Produktbereichen ist der Mercolleida als repräsentative Notierungsstelle auch von der Europäischen Union anerkannt. Mehrheitsaktionär von Mercolleida ist die Stadtverwaltung von Lleida, aber die Finanzierung erfolgt vollständig privat und ohne jegliche staatliche Subventionen.

Wie erfolgt die Preisnotierung für Schlachtschweine, und welche Bedeutung hat sie?

Bérges: Die wöchentliche Notierung des Mercolleida wird bei praktisch allen stattfindenden Schweineverkäufen als nationale Referenz in Spanien genutzt; bei Schlachtschweinen betrifft das etwa eine Million Tiere in der Woche. Die Notierung erfolgt jeweils am Donnerstag nach Verhandlungen zwischen Vertretern der Produzenten und der Schlachtindustrie. Dafür werden den Teilnehmern neben aktuellen Markt- und Preisentwicklungen aus dem Ausland, wobei die deutsche und französische Notierung eine wichtige Rolle spielen, auch Echtzeitdaten zum spanischen Markt als Entscheidungsgrundlage an die Hand gegeben. Dies sind die Anzahl der zuletzt verkauften beziehungsweise gekauften Schweine, deren Durchschnittsgewichte sowie die Prognose für die Folgewoche zum Lebendangebot und den geplanten Schlachtungen. Die Daten stammen von den wichtigsten Marktteilnehmern und decken zwei Drittel des Marktes ab.

Was passiert bei Uneinigkeit? Gibt es auch Hauspreise?

Bérges: Bei Unstimmigkeit über die Notierung wird der Verwaltungsrat einberufen, bestehend aus jeweils zwei Vertretern der Schlachthof- und der Erzeugerseite, einem Mitglied des Stadtrates aus Lleida, einem der Landwirtschaftsdirektion Katalonien sowie dem Direktor des Schweinebereichs des Mercolleida. Für eine Einigung steht auch ein auf Algorithmen basierendes Computerprogramm zur Verfügung, welches mit historischen und aktuellen Daten einen Notierungsvorschlag berechnet. Wenn immer noch keine Einigung erzielt werden kann, entscheiden am Schluss der Stadtrat und der katalonische Landwirtschaftsdirektor über die Notierung. Dies ist aber der große Ausnahmefall, und der Verwaltungsrat darf maximal drei Mal im Quartal einberufen werden. Da die Notierung für Schlachtschweine am Mercolleida ein Referenzpreis ist, kann es in einigen Fällen auch zu Hauspreisen kommen.

Spaniens Schweinebranche ist in den vergangenen Jahren kräftig gewachsen. Wie war das möglich?

Bérges: Das integrierte System der Viehwirtschaft hat dem Produktionssektor finanzielle, wirtschaftliche und operative „Muskeln“ verliehen, die es ihm ermöglicht haben, solch ein Wachstum in Bezug auf Quantität und Effizienz zu erreichen. Gleichzeitig haben die Schlachthöfe in den letzten Jahren ihre Schlacht- und Gefrierkapazitäten erheblich erweitert und sich der Internationalisierung verschrieben. Ihre Exporte sind schnell gestiegen und damit auch der Bedarf an Schweinen, weshalb auch die Tierproduktion ausgebaut wurde. Nach und nach sind größere Unternehmen entstanden, wobei die Konzentration und die Vertikalisierung zugenommen haben. Große integrierte Schweineproduzenten mit Futtermittelunternehmen sind in den Schlachthofsektor und Schlachtunternehmen auch in die Schweineproduktion mit dem Bau neuer Mastställe eingestiegen.

Verlief der Ausbau der Kapazitäten bei Schweineproduzenten und Schlachthöfen im gleichen Maße?

Bérges: Zurzeit sind in Spanien mehr Schlachtkapazitäten installiert als Schweine produziert werden. Beides wuchs zwar parallel, aber nicht mit der gleichen Geschwindigkeit. Vor allem in Phasen mit einem starken Anstieg der Preise für Futtermittel und zuletzt auch verschärften Tierschutzvorschriften, wie die Gruppenhaltung von Sauen, führten temporär zu einer Verlangsamung des Produktionswachstums auf Erzeugerseite. Im Sommer 2019 ging in der Provinz Huesca ein sehr großer neuer Schlachthof des italienischen Pini-Konzerns in Betrieb, was am Lebendmarkt zumindest regional zu einem Nachfrageüberhang geführt hat.

Bremsen die Ferkelimporte?

Bérges: Nein! Das Wachstum der spanischen Schweineproduktion hängt nicht primär von Ferkelimporten ab, die es zum Ausgleich von kurzfristigen Defiziten weiter geben wird. Spanien tendiert zur Selbstversorgung mit Ferkeln, wie das kontinuierliche Wachstum unseres Zuchtsauenbestandes zeigt.

In welchen Regionen Spaniens haben die Schweineproduktion und der Ausbau von Schlachthöfen zuletzt zugenommen?

Bérges: Das Wachstum konzentriert sich nun auf Aragonien, sowohl in der Viehzucht als auch bei den Schlachthöfen. In Katalonien, wo rund 40 Prozent der spanischen Schweineschlachtungen konzentriert sind, ist eine Produktionserweiterung aufgrund von Umweltauflagen kaum noch möglich, so dass sich die Expansion der Viehzucht und der Schlachthöfe nach Westen verlagert. Auch das deutsche Unternehmen Tönnies, das bereits einen Sauenschlachthof in Aragonien betreibt, will laut Meldungen ja in dieser Region einen großen Schweineschlachthof errichten.

Gibt es keine Probleme beim Kapazitätsausbau wegen des Umweltschutzes?

Bérges: Doch, mehr und mehr. Der Umweltschutz hat das Wachstum in den am dichtesten besiedelten Viehzuchtgebieten, vor allem in Katalonien, bereits eingeschränkt, und er ist auch ein zunehmend wichtiger Faktor im übrigen Spanien, zusammen mit dem wachsenden Druck von Tierschutzgruppen. Was bis vor wenigen Jahren Spanien nicht betraf und noch als rein nordeuropäisches Problem angesehen wurde, ist heute hierzulande eine Realität, mit der der Sektor lernen muss zu leben, zu diskutieren und zu verhandeln. Allerdings sind landwirtschaftliche Betriebe und Schlachthöfe auch wichtig für den Erhalt der lokalen Wirtschaft und zur Bekämpfung der Landflucht.

Und wie sieht das mit dem Tierwohl aus?

Bérges: Das Thema Tierwohl wird ebenfalls immer intensiver diskutiert. Es gibt Fleisch mit Tierschutzlabel in den Geschäften, doch steht in der Wirtschaftskrise der Preis noch zu oft einer Kaufentscheidung entgegen. Der Sektor ist sich aber bewusst, dass er sich in diese Richtung bewegen muss. Eine Diskussion um die Kastration gibt es hingegen kaum, da die meisten Schweine in Spanien ohne diesen Eingriff produziert werden.

Spanien hat sich stark auf die Ausfuhr von Schweinefleisch konzentriert. Nun ist der wichtige chinesische Markt weitgehend weggebrochen. Was sind die Folgen?

Bérges: Die derzeitige Situation ist durch einen starken Markt- und Preisdruck gekennzeichnet. Spanien exportiert die Hälfte seiner Schweineproduktion; von dieser Hälfte gingen noch vor kurzem 70 Prozent nach China. Der starke Rückgang der chinesischen Bestellungen seit dem Sommer hat europaweit zu einem Ungleichgewicht geführt, da auch andere große EU-Exporteure das gleiche Absatzproblem mit diesem Großkunden haben. Am Binnenmarkt kam es zu einem Überangebot an Schweinefleisch und einem scharfen Preiswettbewerb. Die Schlachtschweinenotierung am Mercolleida ist seit dem Sommer um gut ein Drittel eingebrochen. Kurzfristig besteht nur die Möglichkeit, Ware einzufrieren und auf eine Belebung der EU-Nachfrage durch das beginnende Weihnachtsgeschäft und hoffentlich einer Entspannung der Corona-Situation zu warten.

Ist das die einzige Strategie?

Bérges: Nein! Mittel- und langfristig sollten neue Auslandsmärkte erschlossen werden, um die Abhängigkeit von China zu verringern. Dazu müssen wir uns auf Mittel- und Südamerika oder Afrika konzentrieren sowie die derzeit gute Positionierung in Südostasien beibehalten. Auch sollte man vorbereitet sein und die Chancen nutzen, falls China 2022 wegen rückläufiger Eigenerzeugung wieder die Importe steigert. Wir müssen uns aber darüber im Klaren sein, dass die Volksrepublik früher oder später wieder zu einem Markt für Nebenprodukte wird, mit nur noch gelegentlichen Nachfragespitzen für Fleisch. Aber auch der Verkauf von Innereien, Köpfen oder Schweinefüßen nach China ermöglicht eine nicht zu vernachlässigende Wertsteigerung des Schlachtkörpers. Spaniens Schweinesektor ist zuversichtlich, dass er in der Lage sein wird, den voraussichtlichen Produktionsrückgang im Norden der EU zu nutzen, um mehr Schweinefleisch im Export zu verkaufen.

Was macht Sie so sicher, dass die spanische Schweineproduktion weiter wächst?

Bérges: Die Produktion in Spanien wird 2022 aufgrund der bereits genehmigten Betriebspläne weiter wachsen, aber die Stärke dieser Zunahme wird davon abhängen, wie sich die Rentabilität in der ersten Hälfte und vor allem im zweiten Halbjahr entwickelt. Entscheidend wird die Relation des Schweinepreises zu den Kosten für Futter und dessen Verfügbarkeit sein. Grenzen des Wachstums werden auch durch die Umweltauflagen gesetzt. Grundsätzlich will der Sektor die aktuelle Krise nutzen, um die Strukturen zu stärken und das bisherige Wachstum zu konsolidieren. Dabei dürfte es aufgrund des größeren Gewichtes der Internationalisierung weitere Schritte in Richtung stärkere Vertikalisierung von der Erzeugung bis zum Schlachthof geben.

Quelle: fleischwirtschaft.de; AgE

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