Förderpreis der Fleischwirtschaft 2021: Quart...
Förderpreis der Fleischwirtschaft 2021

Quartett mit Visionen

Samuel Buscapé
In diesem Jahr geht der „Förderpreis der Fleischwirtschaft“ an (von links) Victoria Blüm, Daniel Granitza, Annika Thies und Rebecca Derstappen.
In diesem Jahr geht der „Förderpreis der Fleischwirtschaft“ an (von links) Victoria Blüm, Daniel Granitza, Annika Thies und Rebecca Derstappen.

FRANKFURT Die Fachmedien afz und „Fleischwirtschaft“ zeichnen seit dem Jahr 2013 besonders motivierte Nachwuchstalente aus. Der Förderpreis 2021 geht an Victoria Blüm, Rebecca Derstappen, Daniel Granitza und Annika Thies.

Die Fachkräftesicherung gleicht einer Herkulesaufgabe. Das gilt in besonderer Weise für den Fleischsektor. Die Branche bietet zahlreiche berufliche Möglichkeiten, die außerhalb des Wirtschaftszweigs kaum bekannt sind. Umso mehr braucht es Leuchttürme, die beispielhaft für die Chancen und Perspektiven in den Unternehmen stehen.

Die Fachmedien afz – allgemeine fleischer zeitung und „Fleischwirtschaft“, die in der dfv Mediengruppe erscheinen, identifizieren deshalb seit dem Jahr 2013 in jährlicher Folge junge, ambitionierte Talente aus Handwerk, Industrie und Wissenschaft. Ziel der Initiative ist es, die Top-Nachwuchskräfte zu fördern und an die Branche zu binden. Sie übernehmen damit eine Vorbildfunktion, um anderen jungen Menschen mögliche Karrierewege mit Zukunftspotenzial aufzuzeigen.

Am Dienstag Abend wurde der „Förderpreis der Fleischwirtschaft“ im Rahmen des Deutschen Fleisch Kongresses in Mainz zum neunten Mal verliehen. Lesen Sie, womit sich die jungen Talente die hohe Auszeichnung verdient haben und vor allem, was sie noch vorhaben.

Die Nachhaltige

Für Victoria Blüm sah es lange nicht so aus, dass sie einmal Fleischerin werden würde. Die junge Frau aus dem südhessischen Lampertheim hatte nach dem Abitur zunächst „wie selbstverständlich studiert, ohne ernsthaft über eine Ausbildung nachzudenken“, wie sie der Jury des Förderpreises verriet. Und das, obwohl Blüm in einem fleischerhandwerklichen Betrieb groß geworden ist. Erst nach dem Studium der Geographie in Heidelberg spürte sie, wie wichtig ihr Lebensmittelpolitik und Nachhaltigkeit sind. Sie wechselte an die Cardiff University in Wales im Vereinigten Königreich und hängte den Master of Science Food Space & Society an. Danach war die Zeit erst reif für eine Lehre im oberbayerischen Stephanskirchen (Kreis Rosenheim), wo sich die Akademikerin bewusst für eine Bio-Metzgerei entschied und mit der Simsseer Weidefleisch eG einen „passenden“ Ausbildungsbetrieb fand. Im Frühjahr 2021 krönte die junge Metzgerin ihren bisherigen Karriereweg mit der Meisterprüfung im Fleischerhandwerk. Dafür bereitete sich Blüm an der Fleischer-Fachschule J. A. Heyne am Fachzentrum Nahrungsmittelhandwerke der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main vor.
 
Annika Thies (links) und Rebecca Derstappen teilen sich den Förderpreis 2021 in der Kategorie Wissenschaft.
Samuel Buscapé
Annika Thies (links) und Rebecca Derstappen teilen sich den Förderpreis 2021 in der Kategorie Wissenschaft.
Die Jungmeisterin verfolgt mit großem Interesse die Entwicklung von kultiviertem Fleisch. Sie ist davon überzeugt, „dass diese Innovation unsere Branche von Grund auf prägen und verändern wird“. Dieses Thema zu ignorieren – insbesondere in Kollegenkreisen – hält sie für falsch. In Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Nick Lin-Hi von der Universität Vechta sowie mit dem Deutschen Fleischer-Verband (DFV) arbeitet Blüm an einer Studie zur Akzeptanz von kultiviertem Fleisch bei Kunden traditioneller Fleischer-Fachgeschäfte. Demgegenüber sieht die Südhessin eine große Aufgabe in der Vermittlung von Wissen über Ernährung und Lebensmittel. Sie möchte Kindern sowie Kundinnen und Kunden einfache Kochtechniken vermitteln für ein Mehr an bewusstem Konsum. Parallel entwickelt sie für den elterlichen Betrieb einen digitalen Vermarktungsweg. In Frankreich möchte sie die Kunst der Pastetenherstellung vertiefen, um das heimische Angebot zu erweitern.

Der Geradlinige

Daniel Granitza begann seine berufliche Laufbahn im August 2013 mit einer Ausbildung zum Fleischer bei der Metzgerei Quartier in Kleve, erweiterte seine Kenntnisse bei Thönes Natur – heute Naturverbund – und entschied sich für den Besuch der Fleischerschule in Landshut. Hochdekoriert mit dem Meisterpreis der Bayerischen Staatsregierung kehrte er zurück nach Nordrhein-Westfalen, um in Lemgo an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe das Studium der Lebensmitteltechnologie zu beginnen.

In seiner Bachelorarbeit widmet er sich der Hemmung von Listerien – praxisnah bei Bauerngut, dem Fleischwerk der Edeka Minden-Hannover. Ziel war es, eine weitere Hürde gegenüber Listeria monocytogenes insbesondere bei geslicter Ware „einzubauen“, um sichere und qualitativ hochwertige Lebensmittel herzustellen. Sein praxisbezogenes Wissen möchte Granitza um die Schwerpunkte Unternehmensführung, Rechnungswesen und Controlling an der Hochschule Osnabrück erweitern. Der junge Akademiker ist ein Beispiel dafür, dass der Gesellenbrief das Fundament für eine perspektivreiche Karriere sein kann.

Die Missionarin

Annika Thies ist Agrarwissenschaftlerin. Nach ihrem Studium an der Georg-August-Universität in Göttingen wechselte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an das Johann Heinrich von Thünen-Institut in Braunschweig. An dem Bundesforschungsinstitut beschäftigt sich Thies mit Themen rund um die Vieh- und Fleischmärkte. In der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung um Klimabilanzen und Umweltschutz fällt der Blick immer wieder auf die Tierhaltung und den Fleischkonsum. Im Rahmen ihrer Dissertation untersucht die junge Wissenschaftlerin den Fleischverzehr in Deutschland „vor dem Hintergrund von externen Effekten auf Umwelt, Tierwohl und die menschliche Gesundheit“.
Die Preisträger 2021
Kategorie Handwerk: Victoria Blüm
Kategorie Industrie: Daniel Granitza
Kategorie Wissenschaft: Rebecca Derstappen und Annika Thies
In der gesellschaftlichen Diskussion greift die ausschließliche Reduktion des Fleischverzehrs für das Erreichen von Nachhaltigkeitszielen zu kurz, ist Thies überzeugt. In ihrer Arbeit weist sie nach, dass „jährlich rund 86.000 Tonnen Fleisch allein außer Haus verschwendet werden“. Ein hohes Einsparungspotenzial stellte Thies in diesem Zusammenhang für die Gastronomie und die Gemeinschaftsverpflegung fest. Eine veränderte Fleischnachfrage könne durch einen „Instrumentenmix und eine Veränderung der Ernährungsumgebung“ erreicht werden. Vielversprechend sei die Ansprache junger Konsumentinnen und Konsumenten, die bereits offen für eine „Abkehr von tradierten Ernährungsgewohnheiten“ seien. Agrarwissenschaftlerin Thies möchte auf internationaler Ebene an Lösungsansätzen mitarbeiten, um den zukünftigen Herausforderungen der Agrar- und Ernährungswirtschaft zu begegnen.

Die Analystin

Mit einer empirischen Analyse der Kundenstruktur und des Relationship-Managements im Fleischerhandwerk hat Rebecca Derstappen ihr Studium der Agrarwissenschaften an der Uni Göttingen bestanden. Ihr Fazit: Die fleischerhandwerklichen Betriebe müssen ihre Herausstellungsmerkmale bestimmen, um sich auf dem Markt individuell zu positionieren und im Wettbewerb zu bestehen. Großes Interesse hat Derstappen an Optionen der Politik zur Verbesserung des Tierwohls in der Schweineproduktion. Dabei betrachtet sie auch die Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit. Aktuell beschäftigt sie sich – ebenfalls am Thünen-Institut – mit dem Exportpotenzial von deutschem Schweinefleisch, welches unter höheren Tierwohlstandards erzeugt wird. Von zentraler Bedeutung ist die Frage, ob es dafür eine „Mehrzahlungsbereitschaft für Tierwohl“ gibt.

Lesen Sie auch den Kommentar „Facettenreicher Beruf mit Zukunftsmusik“ von afz-Chefredakteur Jörg Schiffeler.
 

Förderpreis der Fleischwirtschaft 2021



Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 46/2021

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