Interview: „Wir können die Standards setzen“
QS
Macht am 30. April Schluss bei QS: Geschäftsführer Dr. Hermann-Josef Nienhoff.
Macht am 30. April Schluss bei QS: Geschäftsführer Dr. Hermann-Josef Nienhoff.

BONN Die stufenübergreifende Qualitätssicherung gibt Sicherheit nach innen und außen. Ein Gespräch über 20 Jahre QS-System.

Die Gesellschaft QS Qualität und Sicherheit mbH wurde vor 20 Jahren – auf der Anuga 2001 – gegründet, in Reaktion auf den 1. BSE-Fall in Deutschland. Ziel der Wirtschaft war es, das Vertrauen der Verbraucher in das Lebensmittel Fleisch und seine Produktionskette wieder aufzubauen. 20 Jahre später gibt es immer wieder Skandale, um Tierquälerei, um Verunreinigungen, mikrobiologische Belastungen.

Herr Dr. Nienhoff, ist das Projekt QS nun gelungen?

Dr. Hermann-Josef Nienhoff: Eindeutig ja! Was gelungen ist, ist die stufenübergreifende Qualitätssicherung, und zwar Hand in Hand, über die ganze Kette hinweg bis zum Lebensmitteleinzelhandel (LEH). Den Unternehmen ist auch klar, dass sie ohne Zuverlässigkeit und Vertrauen nichts verkaufen können. Deshalb muss man auch beim Futtermittel anfangen. Wir haben hier mit QS ein wirtschaftsgetragenes Bündnis etabliert. Gegenseitiges Vertrauen ist die Grundlage unseres Arbeitens. Damit wollen wir auch das Vertrauen der Verbraucher erreichen. Das ist das große Ziel gewesen und das haben wir erreicht. Damit hat die Kette und haben die Unternehmen auch gesellschaftliche Verantwortung übernommen: sichere Lebensmittel, Zuverlässigkeit, Vertrauen schaffen – ganz ohne staatliche Einflüsse.

Besondere Ereignisse wird es natürlich immer geben, solange wir es mit Menschen und Tieren sowie mit der Natur zu tun haben, mit Ackerfrüchten und Wettereinflüssen – all diese Dinge lassen sich nicht digitalisieren und automatisieren. Deshalb müssen wir mit diesen Ereignissen umgehen, und im Fall des Falles zügig und konsequent handeln. Da schließt sich der Kreis: Unsere stufenübergreifenden und vertraglichen Verpflichtungen geben uns die Grundlage, um in solchen Fällen schnell und entschlossen handeln zu können.

Hat das der Branche auch in der Politik ein anderes Standing verschafft?

Nienhoff: Die Branche kann jedenfalls mit Zuverlässigkeit punkten. Wir werden trotzdem kontinuierlich daran arbeiten, und uns weiter verbessern. Bei den Behörden sehe ich auf jeden Fall auch Handlungsbedarf.

Welche Aufgaben gibt es denn noch zu erledigen?

Nienhoff: Es gibt immer was zu tun. Wir stellen jedes Jahr einen ganzen Katalog von Aufgaben und Zielen zusammen. Wir leben von der Veränderung. Ganz konkret: In der Digitalisierung gibt es Potenziale; sowohl was die Auditierung angeht als auch bei der Erfassung von Ergebnissen und der Rückmeldung der Daten an die Betriebe. Weiteres Potenzial liegt in der risikoorientierten Kontrolle. Die staatliche Überwachung erkennt jetzt teilweise unsere QS-Audits an. Da geht noch mehr. Ganz konkret sind wir dabei einen Qualitätsstandard für Fleischersatzprodukte auf den Weg zu bringen. Da sehen wir eine große Lücke und einen Bedarf für eine stufenübergreifende Qualitätssicherung. Denn, machen wir uns nichts vor: Der Konsum alternativer Proteine wird zunehmen.

Das Fleischerhandwerk spielt zahlenmäßig keine so große Rolle im QS-System. Woran liegt das?

Nienhoff: QS ist ausgerichtet auf den Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland. Das ist unser Zielmarkt. Im Fleischerhandwerk liefern einzelne Unternehmen handwerklich gut produzierte Fleischwaren an den LEH. Diese Betriebe benötigen einen QS-Standard. Das Fleischerhandwerk an sich punktet aber mit Persönlichkeit, mit Nähe und Beratung gegenüber den Kunden, mit Qualitäten, die selbst produziert sind. Da steht jeder Fleischer persönlich für seine Marke.

20 Jahre QS-System in der Praxis. Welches Projekt war das kniffeligste?

Nienhoff: Wir haben so viel angepackt, viele verschiedene Maßnahmen etabliert: Antibiotika-Monitoring, Salmonellen-Monitoring, die Audits immer weiter verbessert, die Risikoorientierung optimiert. Jetzt kommt die Nachhaltigkeit bei Futtermitteln hinzu. Da kann ich keins herausgreifen. Man muss die Leute mitnehmen. Denn in der Kette haben wir oft den ungeduldigen Lebensmitteleinzelhandel und den beharrenden Landwirt. Das sind hier die Gegenpole. Schwierig wird es immer dann, wenn einzelne auf ihren Positionen beharren, wenn keine Veränderungsbereitschaft da ist. Wir wissen: Wer stehen bleibt, ist morgen nicht mehr da. Einstein hat sinngemäß einmal gesagt: Das Dümmste, was einem widerfährt, ist: nichts verändern wollen, aber gleichzeitig hoffen, dass alles besser wird. Man hat es ja mit Menschen zu tun, mit verschiedenen Standpunkten. Das braucht Geduld, aber manchmal auch ein bisschen Mut, einen Schritt mehr zu machen und danach einen halben wieder zurück. Dann ist man aber doch einen halben Schritt weiter.

Und was war nach zähem Ringen das erfolgreichste Projekt?

Nienhoff: Ein einzelnes Projekt kann ich da im Rückblick nicht herausgreifen, aber sehr wichtig waren immer die Überzeugungsgespräche im Lebensmitteleinzelhandel. Da haben wir nicht aufgegeben, denn die Nachfrage vom LEH löst die Teilnahme der ganzen Kette aus und sichert den Erfolg.

Wie ist der Stand in Sachen Ferkelkastration?

Nienhoff: Das Thema wurde durch die Emotionen in der Debatte größer geredet, als es wirklich in der Praxis ist. Können die Ferkelerzeuger in den Nachbarländern nun wirklich günstiger kastrieren? Aufgrund der QS-Anforderung müssen sie das auch mit Schmerzausschaltung oder Betäubung machen. Wir haben in Deutschland zehn bis zwölf Millionen Ferkel zu wenig. Der Strukturwandel wird uns sogar noch weniger Ferkel bescheren. Wenn wir aber die Wertschöpfung der Schweinefleischerzeugung in Deutschland halten wollen, dann brauchen wir Ferkel aus den Nachbarländern. Und dann bleiben immer noch stabile Märkte für die deutschen Ferkelerzeuger. Da habe ich überhaupt keine Bedenken. Und was manche Gutachten prophezeit hatten, dass die Isofluran-Narkose um ein Drei- bis Vierfaches teurer ist, das hat sich alles in der Praxis nicht bewiesen. Die Kosten sind tatsächlich deutlich geringer. Wir haben eine strategische Arbeitsgruppe eingerichtet. Hier legen wir die Kriterien in den Nachbarländern alle auf den Tisch. Da sehen wir, dass beim Platzbedarf oder Umweltschutz etwa die Anforderungen nicht niedriger sind als in Deutschland, sondern teilweise eher höher. Darüber werden wir diskutieren, ja.

Hat Deutschland denn die Marktstärke, auch in den anderen EU-Staaten etwas zu bewegen?

Nienhoff: Nicht über die deutsche Politik und die deutschen Gesetze, aber über QS. Nationale Gesetze gelten eben nur für Deutschland. Wir als QS sagen aber: Alle die in QS hineinliefern wollen, müssen unsere Bedingungen zur Qualitätssicherung in punkto Lebensmittelsicherheit erfüllen. Wir haben den Vorteil, dass wir den großen Verbrauchermarkt in Deutschland haben, so dass wir die Standards setzen können. Aber auch hier ist entscheidend, dass der LEH am Ende der Kette sagt: Wir wollen QS. Dann können wir die Bedingung stellen, dass alle, die in das System hineinliefern, die gleichen Regeln erfüllen.

Wie kommen wir denn in Sachen Tierwohl endlich voran?

Nienhoff: Das ist schon eine „never ending story“. Bei der Borchert-Kommission heißt es immer: Wir erfüllen damit die gesellschaftlichen Anforderungen. Da bin ich kritisch, wenn ich die Anforderungen von verschiedenen NGOs und besonderen Interessengruppen sehe. Wenn wir die erfüllt haben, kommen morgen andere. Das ist das Geschäftsmodell von NGOs. Da würden wir ständig hinterherlaufen. Entscheidend ist doch, was der Lebensmitteleinzelhandel verkaufen kann. Der sieht ja, was der Verbraucher bereit ist zu zahlen und welche Produkte er möchte. Die bringt er in die Theke. Bietet der LEH Fleisch aus der Tierwohlstufe 3 an, das doppelt so teuer ist wie gute Standardware, so macht er das nicht immer, weil der Kunde das kauft. Die Abschriften sind hier zum Teil dramatisch. Die Kaufbereitschaft ist nicht so groß. Das macht der Händler auch, um einzelnen NGOs und auch seinem Image gerecht zu werden.

„Keiner im Markt braucht ein staatliches freiwilliges Tierwohl-Label.“
Dr. Hermann-Josef Nienhoff, QS-Geschäftsführer
Ja, ich glaube, wir brauchen ein schrittweises Umdenken beim Verbraucher, im LEH und in der Tierhaltung. Wir müssen aber beachten, dass wir im internationalen Wettbewerb stehen. Wir sind nun mal Teil der europäischen Wirtschaft, mit europäischen Rahmenbedingungen. Da sollten wir auch europäisch denken. Ändern kann es der LEH – aber auch nur so weit, wie der Verbraucher mitgeht. Mit der Initiative Tierwohl hat der Handel seine Bereitschaft erklärt. Dort sind in den letzten sechs Jahren 600 Mio. Euro eingezahlt worden und an die Erzeuger von Geflügel und Schweinen geflossen. Und nun kommt die nächste Programmperiode mit der Nämlichkeit. Wir kommen also voran.

Ende April werden Sie das Amt des QS-Geschäftsführers in jüngere Hände legen. Klar ist aber auch: Sie werden sich nicht ganz zur Ruhe setzen, sondern der Wirtschaft erhalten bleiben und die geplante Koordinationszentrale Handel Landwirtschaft leiten. Mit welcher Motivation treten Sie den Posten an?

Nienhoff: Mir ist es ein Anliegen, dass die Beteiligten in der Kette miteinander reden, gemeinsam die Herausforderungen anpacken und nicht übereinander reden. Da möchte ich mithelfen.

Eine Frage zum Schluss: Wenn Sie mal richtig abschalten möchten, was machen Sie dann?

Nienhoff: Entspannen kann ich bei anstrengender körperlicher Arbeit, am liebsten im Garten und dann habe ich eine Familie, in der ich eintauchen kann. Dort fühle ich mich wohl, kann abschalten, und da bin ich glücklich.

QS in Zahlen

In der Systemkette Fleisch und Fleischwaren sind (Stand 6. Januar 2021) insgesamt 160.134 Betriebe zugelassen, 136.239 davon in Deutschland, 23.895 in anderen Ländern.

Die meisten Unternehmen stellt die Landwirtschaft: 119.357, davon 101.613 in Deutschland. Das sind 70.250 Rinderhalter, 28.097 Schweinehalter und 3.266 Betriebe mit Geflügelhaltung oder Brütereien.

Hinzu kommen 1.967 Tiertransporteure (1.433 in Deutschland), 431 Schlacht- und Zerlegebetriebe (291), 461 Fleischverarbeiter (377) sowie 25.556 Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels (25.259).

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 12/2021
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