Trends: Umbruch und Aufbruch
Trends

Umbruch und Aufbruch

Zukunftsinstitut
Ernährungs-Trends der Zukunft.
Ernährungs-Trends der Zukunft.

FRANKFURT Im Food Report 2022 prognostiziert Hanni Rützler, dass die Corona-Pandemie Konsumverhalten und Lebensstile langfristig verändern wird.

Die Pandemie beeinflusst das Konsum- und Essverhalten langfristig. „Verhaltensweisen, die über Monate zwangsweise erprobt wurden, werden auch nach der Krise unser Konsumverhalten und unsere Lebensstile prägen“, prognostiziert die Ernährungswissenschaftlerin Hanni Rützler im „Food Report 2022.“ Die Trendstudie wird inzwischen zum neunten Mal vom Zukunftsinstitut in Kooperation mit den afz-Schwestermedien Lebensmittel Zeitung, gv-praxis und foodservice herausgegeben.

Denn Corona führt laut der Genuss-Expertin zu einem neuen ‚Normal‘: „Plötzlich ist es vollkommen ‚normal‘, auch frische Lebensmittel online einzukaufen und sie sich liefern zu lassen. Plötzlich ist es vollkommen ‚normal‘, einen verbindlichen Termin zu vereinbaren oder eine Reservierung vorzunehmen, um ein Geschäft oder ein Restaurant zu besuchen. Es ist vollkommen ‚normal‘, sich beim Lieblingslokal ein Homecooking-Menü zu bestellen und es zuhause zu genießen“, schreibt Rützler.

Denn Essen sei wieder näher an den Menschen herangerückt, es sei eine neue Nähe entstanden, indem man wieder selbst kocht und Gerichte ausprobiert. „Genuss ist wichtiger geworden, und auch die Qualität spielt eine größere Rolle. Denn schließlich trägt die Ernährung maßgeblich zu unserer Gesundheit bei. Unsere Gesundheit, die plötzlich so fragil und verletzlich erscheint“, erläutert Rützler das neue Verständnis von gesunder Ernährung. Nachhaltigkeit im ökologischen und sozialen Sinn wird demnach ebenso zum neuen Qualitätskriterium wie Transparenz und Glaubwürdigkeit.

„Essen ist wieder näher an den Menschen gerückt.“
Hanni Rützler
Zu den Food-Trends 2022 zählt die Ernährungswissenschaftlerin „Zero Waste“, „Local Exotics“ und „Real Omnivore“. Unter „Null Abfall“ (Zero Waste) fasst der Report das Bedürfnis zusammen, Müll nicht nur wiederzuverwerten, sondern ihn erst gar nicht anfallen zu lassen. Dazu zählt etwa „Cradle-to-Cradle“, was übersetzt von der Wiege in die Wiege bedeutet und die perfekten Kreisläufe komplett ohne Müll beschreibt. Auch die weiterentwickelte „Sharing Economy“, die die Nutzung ungenutzter Ressourcen ermöglicht, verstärke die Zero Waste-Bemühungen.

Der Trend „Local Exotics“ beschreibt den Versuch der Konsumenten, den Widerspruch von lokaler Lebensmittelproduktion und die Sehnsucht nach exotischen Genüssen in Einklang zu bringen.

Die „Real Omnivores“ (echte Allesesser) werden unterdessen angesichts der wachsenden Auswahl an Algen, In-vitro-Fleisch („Cultured Meat“) aus dem Labor und pflanzenbasierten Fleischersatzprodukten zu Esstypen, die Genuss mit Verantwortung verbinden, ohne sich einem radikalen Verzichtsregime unterzuordnen.

Unverwechselbares Profil

Weitere Schwerpunkte des Food Reports 2022 sind zudem „Vegourmets“, denn die Post-Corona-Gastronomie wird gemüsereicher sein. „Wer in Zukunft in Gastronomie und Hotellerie reüssieren will, braucht ein unverwechselbares Profil. Da reichen die kreativen Lösungen, die in der Krise rund um Delivery und Meal Kits entwickelt wurden, allein nicht mehr aus“, ist Rützler überzeugt. Einerseits werde ein Mix aus Dining-out und Dining-in zur neuen Normalität. Andererseits gehören pflanzliche Gerichte künftig zum festen Bestandteil eines jeden guten Restaurants.

„Hierfür ist nicht nur Fantasie in der Küche gefragt, sondern auch ein spezifisches Know-how“, so die Expertin. Last but not least treibt das Thema E-Food den Strukturwandel des Ernährungssystems voran. „E-Food“ beschreibt dabei nicht nur die Ausweitung des E-Commerce in der Lebensmittelbranche, sondern hat das Potenzial, das gesamte Ernährungssystem nachhaltig zu verändern.

„Die Vernetzung schafft neue soziokulturelle Strukturen, die auch Gastronomie, die Lebensmittelproduktion, die Landwirtschaft sowie unser Koch- und Essverhalten in Summe grundlegend umkrempeln. Diese neue Vernetzung ermöglicht es, dass die unterschiedlichsten Player miteinander in Kontakt treten, sich austauschen und direktere Wege zueinander finden“, so die Prognose von Hanni Rützler.

Über Hanni Rützler

Die Trendforscherin Hanni Rützler, Jahrgang 1962, hat Ökologie an der Michigan Technology University, USA, sowie Ernährungswissenschaft, Soziologie und Psychologie an der Universität Wien studiert. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin des Futurefoodstudio in Wien und seit 2004 Referentin des Zukunftsinstituts.

Von 1999 bis 2005 war sie Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung (ÖGE), seit 2001 Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Verbands der Ernährungswissenschaftler Österreichs (VEÖ) und seit 2010 Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des forum.ernährung heute (f.eh) sowie von 2011 bis 2017 Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit.

Seit 2014 ist die Ernährungswissenschaftlerin Jurymitglied des Zukunftspreises der Fachmesse für Gastronomie und Hotellerie Internorga. 2015 wurde Hanni Rützler vom Verband Deutscher Großbäckereien zur Brotsenatorin ernannt und ist seit 2017 Mitglied des Kuratoriums der Dr. Rainer Wild-Stiftung für gesunde Ernährung in Heidelberg.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 20/2021
stats