TV-Monitoring: Vergleichstests im Trend
Willi Weber / ZDF
Für die Sendung ZDFzeit nimmt Sternekoch Nelson Müller Bratwürstchen, Steaks und andere Grill-Klassiker unter die Lupe, denn Qualitäts- und Geschmacksvergleiche sind bei den Zuschauern beliebt.
Für die Sendung ZDFzeit nimmt Sternekoch Nelson Müller Bratwürstchen, Steaks und andere Grill-Klassiker unter die Lupe, denn Qualitäts- und Geschmacksvergleiche sind bei den Zuschauern beliebt.

GAUTING Der Anteil kritischer Fernsehbeiträge über die Lebensmittelbranche sinkt erstmals. Das hat allerdings mit der Vielzahl an Sendungen zu tun, die sich mit Qualitäts- und Geschmacksvergleichen beschäftigen.

Das Interesse der TV-Medien an der Lebensmittelwirtschaft war auch im Corona-Jahr 2020 ungebrochen groß: Insgesamt 809 Beiträge hat die Unternehmensberatung für Kommunikation und PR-Agentur Engel & Zimmermann aus Gauting bei München im vergangenen Jahr dokumentiert und ausgewertet. Das sind im Schnitt mehr als 15 Beiträge pro Woche rund um Lebensmittel, Ernährung oder Landwirtschaft.

Während die Pandemie im vergangenen Jahr unbestritten das prägende Thema in der Öffentlichkeit und in den Medien war, spielte sie in den Berichten über die Lebensmittelbranche kaum eine Rolle: In den Reportagen, Dokumentationen und Verbraucherstücken (die nachrichtliche, zumeist tagesaktuelle Berichterstattung fand bei der Analyse keine Berücksichtigung) ging es lediglich in sechs Prozent der Beiträge direkt oder indirekt um Corona.
„Erfreulich ist, dass die Skandalisierung insgesamt leicht abgenommen hat.“
Christian Wolfram, Engel & Zimmermann
„Die Berichterstattung fiel unterm Strich ausgewogener aus als in früheren Jahren, wenngleich sich an den Mechanismen, wie über die Branche berichtet wird, nichts geändert hat“, stellt Christian Wolfram, Leitung Unit Food bei Engel & Zimmermann, fest. „Obwohl kaum ein Fernsehteam in einem Lebensmittelbetrieb drehen konnte, blieben die Herangehensweise und die Sendungsformate im Corona-Jahr die gleichen: Qualitäts- oder Geschmacksvergleiche, das Aufdecken vermeintlicher Tricks der Industrie und Gesundheitstipps. Erfreulich ist, dass die Skandalisierung insgesamt leicht abgenommen hat.“

Anteil kritischer Beiträge sinkt erstmals

Bereits seit sechs Jahren wertet Engel & Zimmermann Sendeformate rund um die Food-Branche aus. Seitdem stellen die Kommunikationsexperten eine stetig zunehmende kritische Auseinandersetzung mit der Branche, den Unternehmen und ihren Produkten fest. Den vorläufigen Höhepunkt markierte das Jahr 2019, als fast jeder zweite Beitrag aufgrund seines Titels oder der Ankündigung des Senders eine kritische Tonalität erwarten ließ. Dieser Trend setzte sich im vergangenen Jahr nicht fort: 348 der 809 erfassten Beiträge hatten eine kritische Tonalität, das sind 43 Prozent. „Auch wenn wir einen Rückgang erkennen, bleibt es dabei: Insgesamt steht die Lebensmittelbranche unter kritischer Beobachtung“, konstatiert Wolfram.

Seit Jahren machen drei Branchen die Spitzenpositionen im Branchenvergleich unter sich aus: Auch 2020 stand die Obst- und Gemüsebranche mit insgesamt 115 Beiträgen (14 Prozent) auf Platz eins. In 84 Beiträgen (zehn Prozent) ging es um Fleisch, Fleischwaren und Wurst, 61 Beiträge (acht Prozent) handelten von Getränken. Noch häufiger als zu Obst und Gemüse wurden lediglich Sendungen ausgestrahlt, die ganz allgemein die Nahrungsmittelbranche thematisieren und keiner einzelnen Branche zugeordnet werden konnten (191 Beiträge, das entspricht 24 Prozent). Von diesen fielen 78 Beiträge kritisch aus wie beispielsweise die Beiträge „Produkte frei von Zusatzstoffen – Häufig teurer, selten gesünder“ oder „Das Geschäft hinter unseren Lebensmitteln“. Während die Obst- und Gemüsebranche traditionell durchweg eher wohlwollend behandelt wird, ist die mediale Auseinandersetzung mit den beiden anderen Sortimenten kritischer: In der Fleischbranche ließ mehr als die Hälfte aller Beiträge anhand des Titels oder der Ankündigung des Senders auf eine kritische Tonalität schließen. Ein weiteres durch Corona beeinflusstes Thema waren die Arbeitsbedingungen in der Lebensmittelbranche. Wurde 2019 nur am Rande darüber berichtet, fiel 2020 die Berichterstattung insbesondere durch die Ausbreitung des Coronavirus in Schlachtbetrieben und die daraus resultierende Diskussion um das Verbot von Werkverträgen viel ausführlicher aus und war wenig überraschend fast durchgängig kritisch.

Betrachtet man die von Engel & Zimmermann erfassten Beiträge unterteilt nach Themen, stehen Qualitäts- und Geschmacksvergleiche an erster Stelle – das entspricht 20 Prozent. Hinter jedem fünften Beitrag stecken Formate mit Titeln wie „Teuer oder billig - Smoothies im Test“ oder „Balsamessig - Welcher ist der Beste?“. Auf dem zweiten Platz folgen Sendungen zu Gesundheitsaspekten von Lebensmitteln (129 Beiträge, das entspricht 16 Prozent). 

Die gesellschaftliche Debatte um Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen hat in den vergangenen Jahren an Fahrt aufgenommen – aus diesem Grund prognostizierte Engel & Zimmermann vor Jahresbeginn auch eine Zunahme für 2020. Die Zahlen jedoch zeigen ein anderes Bild: So wurden im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2019 (74) ein Drittel weniger Sendungen zu Nachhaltigkeitsthemen ausgestrahlt (53). „Der Verdacht liegt nah, dass das alles überragende Thema Corona die allgemeine Diskussion zu Themen wie Nachhaltigkeit und Klimaschutz in den Hintergrund gedrängt hat“, erklärt Wolfram.

Über das TV-Monitoring

Über das gesamte Jahr hinweg hat Engel & Zimmermann die im Fernsehen ausgestrahlten Beiträge – Verbrauchermagazine, Reportagen, Talkshows, Dokumentationen und weitere Formate quer über alle Fernsehsender – rund um die Lebensmittelindustrie ausgewertet. Wiederholungen wurden nicht mitgezählt. Insgesamt flossen diesmal 809 TV-Beiträge in die Auswertung ein – die Analyse erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 15/2021; E&Z
Themen
Trends
stats