Zentralverband Naturdarm: „Maßanzüge“ für Kun...
Zentralverband Naturdarm

„Maßanzüge“ für Kunden

P. Gätz / Marth
Ob kurz oder lang, ob dick oder dünn, ob gebrüht, gekocht oder roh - es gibt für jedes Erzeugnis den passenden Naturdarm.
Ob kurz oder lang, ob dick oder dünn, ob gebrüht, gekocht oder roh - es gibt für jedes Erzeugnis den passenden Naturdarm.

HAMBURG Welche Auswirkungen haben Klimawandel, gestörte Handelswege und Sars-CoV-2 auf den Warenverkehr? Ein Gespräch mit Heike Molkenthin und Michael Hackner vom Zentralverband Naturdarm (ZVN).

Ereignisse wie der gesperrte Suezkanal oder die Corona-Pandemie bleiben nicht ohne Folgen für den internationalen Handel mit Naturdärmen, die Abnehmer aus Handwerk und Industrie benötigen.

Wie ist die Lage in Bezug auf die Rohstoffverfügbarkeit?

Heike Molkenthin: Das Unvorhersehbare ist in unserem international ausgerichteten Geschäft seit je her Normalität. Unsere Mitgliedsbetriebe sind es gewohnt, sich beispielsweise auf witterungsbedingte Schwankungen – etwa durch Dürre, Brände und Überschwemmungen – oder veränderte Anforderungen an den Warenverkehr flexibel einzustellen und ihre Kunden unabhängig davon verlässlich zu beliefern. Die Auswirkungen der Pandemie sind allerdings deutlich einschneidender und haben uns insbesondere in den zurückliegenden Monaten vor anspruchsvolle Herausforderungen gestellt.

Welche Länder sind davon besonders betroffen?

Michael Hackner: Mit dem Warenverkehr aus dem Mittleren Osten, beispielsweise dem Iran, gibt es keine Probleme. Lieferungen aus Australien und Neuseeland sind in den gewohnten Mengen eingetroffen, allerdings mit Verzögerungen. Alle genannten Länder sind wichtige Bezugsquellen für hochwertige Schafdärme. Im Vergleich dazu hat uns das Pandemie-Geschehen in China, unserem wichtigsten Partner für die Verarbeitung der Ware, enorm gefordert. Einige Beispiele: Wegen des Lockdowns wurden Container wochenlang nicht entladen. Eingehende Rohware muss zum Corona-Check. Das kostet zwischen sieben und zehn Tage Zeit und bedeutet, dass die Ware verspätet in den Sortierbetrieb kommt. Viele Verarbeitungsbetriebe waren temporär geschlossen oder personell nur schwach besetzt. Freie Seecontainer sind weiter Mangelware.

Michael Hackner engagiert sich ehrenamt im Zentralverband Naturdarm (ZVN). Er ist Geschäftsführer der CDS Hackner GmbH in Crailsheim.
Sind die Lieferketten sichergestellt?

Hackner: Der Transport auf dem Seeweg bleibt für unsere Ware erste Wahl und hat sich auch in der Pandemie bewährt – wenngleich unter erschwerten Bedingungen. Nicht nur wegen der geringen Verfügbarkeit von Seecontainern. So ändern die Reedereien immer wieder die Routen ihrer Schiffe für zusätzliche Zwischenstopps, was die Reisezeit auf der Strecke China – Europa schon einmal um rund zwei auf sieben bis acht Wochen verlängern kann. Auch diese Herausforderungen bekommen wir in den Griff. Flugzeug und Bahn sind aktuell und perspektivisch als Transportweg keine echte Alternative.

Wird die Ware wegen der Pandemie knapp?

Molkenthin: Wie die Außenhandelsstatistik für das zurückliegende Wirtschaftsjahr belegt, hat sich die Menge der über Deutschland weltweit gehandelten Naturdärme mit 227.832 t im Vergleich zum Vorjahr (225.088 t) sogar erhöht. Die Mengen sind da, sie kamen nur mit Verzögerung. Das ist vor allem der unternehmerischen Weitsicht und langjährigen Erfahrung der Unternehmen zu verdanken, die mit teils erheblichem Aufwand, auch finanziell, kritische Situationen bewältigen. Wie eingangs erwähnt: Wir sind krisenerprobt – eine Stärke, auf die wir gerade in der Pandemie bauen können.

Vertreten die Interessen des Zentralverband Naturdarm (ZVN): Vorstandsvorsitzende Heike Molkenthin.
Beeinflusst ein längerer Transport die Qualität der Ware?

Molkenthin: Da besteht kein Grund zur Sorge. Verarbeitete Naturdärme werden in mit Salzlake gefüllten Fässern transportiert, die älteste und bis heute natürlichste Konservierung. Bei optimaler Lagerung ist der Naturdarm nahezu unbegrenzt haltbar. Wenn sich der Transport verzögert, wie wir es gerade in Zusammenhang mit der Blockade des Suezkanals erlebt haben, hat das keinerlei Einfluss auf Qualität und Sicherheit der Ware.

Bleibt die Verarbeitung in den Ländern, wie wir sie kennen oder werden auch Alternativen in Betracht gezogen?

Hackner: Unsere Geschäftsbeziehungen zu den Verarbeitungsbetrieben in Ländern wie China, Ägypten und Polen sind größtenteils über Jahrzehnte gewachsen und haben sich in der aktuell für alle schwierigen Lage einmal mehr bewährt. Gemeinsam haben wir Lockdowns und temporäre Schließungen gut bewältigt. Alle Unternehmen sind nach EU-Richtlinien zertifiziert und fertigen auf höchstem Qualitätsniveau. Gerade in kritischen Zeiten ist es wertvoll, die Gegebenheiten vor Ort genau zu kennen und sich aufeinander verlassen zu können. Für einen Wechsel besteht kein Anlass.

Mit welcher Preisentwicklung ist zu rechnen?

Molkenthin: Die Verknappung und Verteuerung von Rohstoffen ist ein weltweites Phänomen, nicht nur wegen Corona. Auch unsere Branche kann sich dieser Entwicklung nicht entziehen. Qualität, Sicherheit und Verfügbarkeit von Rohstoffen werden künftig ihren Preis haben, das gilt auch für Naturdarm.

Verändert sich die Nachfrage von Kundenseite oder verändern sich die Bedürfnisse?

Hackner: Der Trend zu individuell konfektionierter Ware ist ungebrochen. Standard war gestern, heute bekommt fast jeder Kunde seine Naturdärme als „Maßanzug“. Ob gewendet, überlappend, gestoßen, auf Tubes – alles nach Wunsch. Besonders begehrt ist langzügige Ware. Die Betriebe haben sich darauf eingestellt und arbeiten kontinuierlich an innovativen Lösungen für jede Spezialanforderung. Ihr Anspruch: Dem Markt immer eine Nasenlänge voraus zu sein.

„Bei Lebensmitteln stehen Ursprünglichkeit, Tradition und Regionalität hoch im Kurs. “
Michael Hackner
Wie hat Corona das Geschäft Ihrer Kunden beeinflusst?

Hackner: Das Außer-Haus-Geschäft ist dramatisch eingebrochen, der Wegfall von Volksfesten, kulturellen und Sport-Events fordert seinen Tribut. Der Lebensmitteleinzelhandel boomt, das Fleischer-Fachgeschäft macht gute Umsätze mit privaten Haushalten und kann somit Einbrüche beim Catering kompensieren. Es gibt also Licht und Schatten. Das Thema Kochen ist beliebter denn je, bei Lebensmitteln stehen Ursprünglichkeit, Tradition und Regionalität hoch im Kurs. Davon profitiert die Wurst, die tief in unserer Esskultur verankert ist.

Wie wird sich der Markt künftig entwickeln?

Molkenthin: Aktuelle Studien belegen: Corona hat den Trend zu nachhaltigem Konsum noch einmal beflügelt. 18 Prozent der Deutschen sagen, ihnen sei dieses Thema heute wichtiger als vor der Pandemie. Hier punktet der Naturdarm als natürliche Ressource nach dem „Nose-to-tail“-Prinzip. Kein Kunststoff, kein Produktionsaufwand – einfach Natur. Damit trifft die älteste und natürlichste Wursthülle heute mehr denn je den Nerv der Verbraucher. Auch nach mehr als 2.000 Jahren hat der Naturdarm als Rohstoff nichts von seiner Aktualität verloren.

Quelle: afz - allgemeine fleischer zeitung 19/2021
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