Zukunftsdialog Agrar & Ernährung: Ernährungsw...
Zukunftsdialog Agrar & Ernährung

Ernährungswende ist eingeleitet

Screenshot agrarzeitung.de
Die Trends diskutieren (jeweils von links): Moderator Markus Roman, Katleen Haefele, Friedrich Büse und Peter Prislin.
Die Trends diskutieren (jeweils von links): Moderator Markus Roman, Katleen Haefele, Friedrich Büse und Peter Prislin.

BERLIN Ernähren sich die Menschen künftig mehr mit Pflanzeneiweiß? Oder setzt sich Protein von Insekten und Stammzellen durch? Auf dem virtuellen Zukunftsdialog werden die Megatrends bewertet.

Einig sind sich Katleen Haefele, Friedrich Büse und Peter Prislin darüber, dass die Corona-Pandemie Veränderungen im Ernährungsverhalten beschleunigt haben. „Wir sind mitten in einer Ernährungswende“, beobachtet Katleen Haefele von der Nichtregierungsorganisation ProVeg im Rückblick auf das vergangene Jahr. Den täglichen Fleischkonsum 2020, der im Durchschnitt in Deutschland 2020 rund 57 kg betragen hat, bezeichnete Haefele auf dem 8. Zukunftsdialog Agrar & Ernährung von agrarzeitung (az) und „Die Zeit“ am Mittwoch zwar immer noch als hoch. „Aber pflanzliche Hauptgerichte gehören mittlerweile definitiv auf die Speisekarte“, stellte sie fest.

ProVeg: Pflanzen statt Fleisch
Katleen Haefele leitet die internationalen Abteilungen Food Services und Events von ProVeg. Die Nichtregierungsorganisation hat sich zum Ziel gesetzt, den weltweiten Konsum tierischer Produkte bis zum Jahr 2040 zu halbieren. In Deutschland ist ProVeg die Nachfolgeorganisation des früheren Vegetarierbundes. ProVeg propagiert den breiten Umstieg auf eine vegane Ernährung. Katleen Haefele berät auf diesem Weg auch Unternehmen der Gemeinschafts- und Systemgastronomie. Sie ist außerdem Mitglied der Jury des Frankfurter Preises, mit dem das Fachmedium gv-praxis alle zwei Jahre Firmen und Persönlichkeiten ausgezeichnet, die sich um die Gemeinschaftsgastronomie in besonderem Maße verdient gemacht haben.
Zusammen mit zwei Praktikern, die vegane Produkte vermarkten, analysierte Haefele unter der Moderation von Markus Roman, Redaktion Gastronomische Fachmedien in der dfv Mediengruppe, die Megatrends bei fleischfreien Alternativen. Die Zielgruppe sei extrem heterogen, stellten die Fachleute fest. Als zwei große Treiber für den Verzicht auf Fleisch machten sie Gesundheitsaspekte einerseits und den Wunsch nach einer nachhaltigen Lebensweise andererseits aus.

„Verbraucher wollen viel genauer wissen, wo die Rohstoffe herkommen. “
Friedrich Büse, Amidori
Friedrich Büse, der seit 2015 Fleischersatzprodukte aus Erbseneiweiß herstellt, registriert für die zurückliegenden Monate ein stark gestiegenes Interesse an seinen Produkten, die jedoch nicht „einfach so“ gekauft würden. „Verbraucher wollen viel genauer wissen, wo die Rohstoffe herkommen und wie die Verarbeitungsprozesse sind“, stellt der Gründer von Amidori fest. Für ihn ist es wichtig, dass pflanzliches Eiweiß aus dem Land stammt, wo es verzehrt wird. „Außerdem brauchen wir einfache Herstellungsprozesse, damit die Produkte preiswert bleiben“, hat sich Büse vorgenommen.
Amidori: Eiweiß vom Acker
Friedrich Büse ist Gründer der Amidori Food Company GmbH. Ausgebildet als Koch und Metzger arbeitete er lange in der Fleischwarenindustrie. Im Jahr 2015 schwenkte Büse um und entwickelt seither Fleischersatzprodukte aus Erbseneiweiß. Die Rohstoffe stammen überwiegend aus deutscher Erzeugung, Verarbeiter der Erbsen ist die Emsland-Gruppe. Eine wissenschaftliche Kooperation besteht mit dem Fraunhofer-Institut. Seit 2019 hält Pfeifer & Langen eine 60-Prozent-Mehrheit an dem Start-up. Demnächst wird sich Unternehmen seine Produkte unter der Marke Endori anbieten, weil es mit dem bisherigen Firmennamen zu Markenrechtskonflikten gekommen ist.
Auch Peter Prislin, der für die Burgerkette Hans im Glück die Markenstrategie verantwortet, stellt eine stärkere Nachfrage nach Fleischersatzprodukten fest. Mittlerweile würden in den Läden 30 Prozent der Burger in vegetarischer oder veganer Variante nachgefragt. „Das heißt aber auch, dass bei uns immer noch viel Fleisch verwendet wird“, räumte Prislin ein.

„Mit jedem verkauften veganen Burger müssen Tiere weniger leiden.“
Peter Prislin, Hans im Glück
Deswegen würden sich die Einkäufer genau darum kümmern, wie die Tiere gehalten, transportiert und geschlachtet werden. „Wir sind uns da unserer Verantwortung sehr bewusst“, beteuerte der Hans-im-Glück-Manager. Außerdem glaubt er, dass sein Unternehmen einen wichtigen Beitrag für die Ernährungsumstellung leiste: „Mit jedem verkauften veganen Burger müssen Tiere weniger leiden“, ist Prislin überzeugt.
Hans im Glück: Nachhaltige Burger
Peter Prislin verantwortet die Marken- und Kommunikationsstrategie der Hans im Glück Franchise GmbH. Das Unternehmen der Systemgastronomie brät seit 2010 Burger. Heute führt die Kette im Internet in Deutschland 86 Filialen auf. Dem Unternehmen liegt nach eigener Aussage Nachhaltigkeit am Herzen. Deswegen gehören vegane und vegetarische Speisen mit zum Angebot. Im Jahr 2020 hat der Anbieter von der Tierschutzorganisation Peta eine Auszeichnung als „veganfreundlichste Systemgastronomie“ erhalten. Als innovativ hat sich die Burger-Braterei auch 2019 gezeigt, als sie für einige Wochen frittierte „Insektenburger“ angeboten hat, die zu etwa einem Drittel aus „Buffalowürmern“ bestanden.
Eine lebhafte Diskussion entwickelte sich zu Fleischalternativen, die entweder aus Insekten oder aus In-vitro-Verfahren stammen. Friedrich Büse sieht In-Vitro-Fleisch mit gemischten Gefühlen. Als ausgebildeter Metzgermeister und basierend auf seinen Erfahrungen mit der Erbsenverarbeitung wies er auch auf den großen Entwicklungsbedarf hin. „Ich habe da nur eine nackige Fleischzelle. Das hat keinen Biss. Vom Fleisch ist das noch weit weg“, beschrieb er den bisherigen Stand. Dennoch hält er in-Vitro-Fleisch für einen Weg, um von der Massentierhaltung wegzukommen. Peter Prislin, der in seinen Burger-Läden das Ohr nahe am Verbraucher hat, sieht bei In-Vitro-Fleisch indes ein ganz anders Problem. „Das ist grenzwertig wegen der Diskussion, die sich dann automatisch um das Klonen dreht“, erwartet er.

„Mit Laborfleisch können wir Fleischliebhaber glücklich machen “
Katleen Haefele, ProVeg
Katleen Haefele hält Pflanzenprotein für den besten Weg, um Fleisch zu ersetzen. „Dennoch kann Laborfleisch eine sinnvolle Ergänzung sein“, glaubt die ProVeg-Vertreterin. „Damit können wir Fleischliebhaber glücklich machen.“ Kritischer sieht sie Fleischersatz, der aus Insekten gewonnen wird, weil hier Fragen des Umwelt- und Tierschutzes überhaupt noch nicht bedacht seien.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf der fleischwirtschaft.de-Schwesterplattform www.agrarzeitung.de.

Quelle: agrarzeitung.de, fleischwirtschaft.de / dfv Mediengruppe
stats